Bedürfnisorientierte Begleitung hyperaktiver Kleinkinder

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Für unsere Familie war die Diagnose unseres Sohnes eine hilfreiche Erkenntnis, um einen verständnisvollen Umgang zu entwickeln.


Der Text soll eine Anregung sein, sich frühzeitig mit der „Besonderheit ADHS“1 zu beschäftigen und bedürfnisorientiert darauf zu reagieren.

Der Text steht unter einer freien Lizenz. (LINK zu CC

BY→https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de).



Hyperaktive Kinder fallen oft schon früh auf: Sie sind unruhiger, schneller, lauter und unvorsichtiger als gleichaltrige Kleinkinder. Anderen Eltern kann man den Familienalltag schwer verständlich machen. Das gilt auch für das frustrierende Gefühl, weder mit liebevollen Erklärungen noch mit Warnungen, Ermahnungen oder Konsequenzen auf das kindliche Verhalten Einfluss nehmen zu können, was für Eltern auch eine elementare Erfahrung mangelnder Selbstwirksamkeit darstellt. Hyperaktive Kleinkinder verhalten sich in solch einer Frequenz und Geschwindigkeit unberechenbar, dass man dauernd an (und über) seine eigenen Grenzen gelangt. Der Alltag ist geprägt von ständigem Reagierenmüssen. Blume beschreibt eine typische Frühstückssituation mit ihrem Vorschulkind:


„Sascha rutscht beim Kauen auf seinem Stuhl hin und her, fällt vom Stuhl, steht auf, um zur Toilette zu laufen, wo er das Frühstück vergisst und anfängt, mit Wasser zu spielen. Einer von uns holt ihn zurück. Er sitzt wieder auf seinem Stuhl und schiebt sich ein ganzes Brot in den Mund, sodass es beim Kauen zur Hälfte heraushängt. Wir fordern ihn (zum gefühlt eine millionsten Mal) geduldig auf, erst ein Stück abzubeißen, dann zu kauen, runterzuschlucken und erst wenn der Mund leer

ist, wieder abzubeißen und loben ihn für einen gelungenen Bissen. Die Banane isst er dann trotzdem, ohne beim Kauen das Abbeißen zu unterbrechen. Dann will er die Nugatcreme, die auf der anderen Seite des Tisches steht. Dazu schmeißt er sich einfach auf den Tisch, um an sie heranzukommen und wirft dabei seinen Becher mit Milch um. [...] Tisch, Geschirr, Kind, Stuhl und Boden müssen erst mal gereinigt werden. Dann sitzt er wieder und isst sein Brot mit Nugatcreme. Dabei hat er gleichzeitig die Finger im Mund, mit denen er sich eine halbe Sekunde später durch die Haare fährt, bevor er ein Stück Käse in Papas Kaffeetasse versenkt. [...] Er ignoriert unsere Aufforderung, [seine kleine Schwester] in Ruhe zu lassen [...] und klaut mein Messer. Ich will es wiederhaben, er brüllt mich an, dass er jetzt selbst Butter auf sein Brot schmieren will und fuchtelt damit herum. Dann schnappt er sich die ganze Salami und beißt einfach rein, statt sich eine Scheibe abschneiden zu lassen. Zum Schluss fällt er nochmal vom Stuhl und tut sich diesmal weh, sodass wir ihn trösten und ein Kühlpad holen müssen. [...] Konsequenz ist in diesem Zusammenhang ein schwieriger Begriff.“ 3


Als Eltern wird man von fremden Leuten angesprochen, als inkonsequent oder überbehütend kritisiert und mit Erziehungstipps überhäuft. Am häufigsten wird einem geraten, man solle seinem Kind mehr Grenzen setzen. Oft bekommt man aber auch den gegenteiligen Rat: Man solle nicht zu viele Grenzen setzen und seinem Kind mehr zutrauen.

„Beide Ratschläge haben einen wahren Kern und sind grundsätzlich sinnvoll für die Erziehung aller Kinder. Alle Kinder brauchen Grenzen und Freiheiten. Der Mangel an dem einen oder dem anderen ist aber nicht die Ursache für ADHS. Es wäre schön, wenn es so einfach wäre...“4


Man hat gar keine andere Wahl, als ein hyperaktives Kleinkind irgendwie zu begrenzen – wie wichtig einem kindliche Freiräume auch erscheinen. Man kann sein Kind schlicht nicht „loslassen“, wenn es ständig sich und andere in Gefahr bringt. Sobald man doch mal unaufmerksam ist, hagelt es negative Erfahrungen: Mein Sohn wurde schon von fremden Eltern angebrüllt, geschüttelt oder weggestoßen, bevor ich eingreifen konnte.



„Eltern behalten diese Kinder ständig im Auge, und deshalb wird ihnen vorgeworfen, dass sie überbehütend seien. Die Impulsivität der kindlichen Handlungen führt dazu, dass eigenes und fremdes Spielzeug oft innerhalb weniger Minuten zerstört wird, dass Kleider zerrissen, zerschnitten oder verschmutzt werden, ohne dass die Kinder dies beabsichtigen. Es geschieht nebenbei, ohne Überlegung und nicht gezielt.“5


Spätestens in der Kita muss man mit Vorwürfen umgehen, das Kind sei „unerzogen“, „aggressiv“ oder „bindungsgestört“. Bereits aus einem immensen Eigeninteresse steht daher die Frage, wie man es zur Einhaltung von Grenzen (anderer) bewegen kann, in vielen Familien jahrelang im Vordergrund. Den typischen Weg beschreibt eine Mutter so:


„Mein Mann und ich haben anfangs die Schuld bei uns gesucht. [...] Unsere Eltern und Schwiegereltern haben uns immer wieder gesagt, dass wir strenger, härter und konsequenter sein müssen. Wir hatten schon im Kindergartenalter alle Erziehungsmethoden durch: mal streng, mal autoritär, mal anti-autoritär. Aber egal was wir versucht haben, es hat nichts geändert.“6


Um einen bedürfnisorientierten Umgang zu entwickeln, muss man m. E. zunächst verstehen, warum die gängigen Erziehungskonzepte bei hyperaktiven Kleinkindern nicht „funktionieren“.


1. Hyperaktive Kinder zwischen Freiraum(überforderung) und Grenzen(übertretung)

Das Problem mit dem Freiraum/Freispiel

Beim freien Spiel leben Kinder üblicherweise Energie und Schaffensfreude aus. Doch Kindern mit ADHS kann schon eine selbständige Beschäftigung von wenigen Minuten Schwierigkeiten bereiten, wenn sich die Bezugsperson kurz abwendet. Sie wissen dann scheinbar „nichts mehr mit sich anzufangen“. Hyperaktive Kleinkinder rasen auf dem Spielplatz oft wie „aufgezogen“ hin und her, brechen begonnene Tätigkeiten sofort wieder ab, behindern andere Kinder oder laufen dauernd zu (bekannten oder fremden) Erwachsenen. Während viele Leute noch erfreut auf ein kontaktfreudiges Baby reagieren, wird das Verhalten mit zunehmendem Alter als distanzlos und störend empfunden. Dieses rücksichtslos wirkende Verhalten („er gönnt einem keine Pause“) verdeckt mitunter die eigentlichen ADHS-Symptome, sodass ein Kind, das eigentlich ein Problem mit seiner Handlungsplanung hat, nach außen wirken kann, als mache es planmäßig Blödsinn. Hingegen wirkt dasselbe Kind hochmotiviert und verständnisvoll, wenn ältere Kinder es in ihr Spiel integrieren oder es sonst zum Spiel „angeleitet“ wird.


Mit meinem Sohn konnte man als Baby stundenlang schaukeln, singen, musizieren und Bücher anschauen. Doch war er einen Moment sich selbst überlassen, riss er Stühle und Stehlampen um, warf mit Essen, Spielzeug und Geschirr, bemalte die Wände, zerbrach Stifte, biss in Kabel oder versuchte aus dem Fenster zu klettern. Sobald er laufen konnte, rannte er andere Kinder über den Haufen oder umarmte/würgte sie, lief zielstrebig in Richtung Straße oder zu anderen Gefahrenquellen. Sehr intensiv erinnere ich mich an einen Besuch in einem liebevoll eingerichteten Pikler-Raum, in dem die Kinder sich „frei“ entfalten durften. Binnen zehn Sekunden war mein damals 18 Monate alter Sohn über einen Säugling gestolpert, hatte die Badewanne mit Sand umgestürzt und haute mit einer Suppenkelle gegen einen Spiegel und auf seinen Kopf. In den folgenden Minuten gingen diverse „sichere Spielmaterialien“ zu Bruch, Heu und Holzeier flogen durch die Luft, mehrere

Mütter stellten sich schützend vor ihre Babys. Nachdem er jauchzend den Balancierbalken hochstemmte, den ein anderes Kind an den Kopf bekam, bestand unter den Eltern Einigkeit, dass das Konzept „im Moment nicht das Richtige“ für meinen Sohn sei. Er sah dies anders, brüllte und strampelte, weil er sich nicht anziehen, sondern weiter mit Holzeiern werfen wollte. (Erst drei Jahre später traute ich mich mit meinem zweiten Sohn wieder dorthin. Er sortierte konzentriert die Holzeier in Eierbecher, fischte mit der Kelle Muscheln aus dem Sand, kuschelte im Heu und balancierte über den Balken.)


Seit seinem fünften Lebensjahr kann sich mein großer Sohn in einer bekannten und übersichtlichen Umgebung kurze Zeit selbst beschäftigen. Doch noch immer fällt es ihm schwer, wenn ich dusche oder telefoniere, einen Moment allein zu überbrücken. Er kommt nicht auf die Idee, im Kinderzimmer zu spielen oder ein Buch anzusehen. Stattdessen kann es sein, dass er die Küchenrolle abribbelt, alle Duschgels auf dem Sofa ausdrückt, sich mit Zahnpasta eincremt, seine Hand im Nutellaglas untertaucht, Salz in Orangensaft verrührt oder seinem Bruder die Haare schneidet ...


Schwierigkeiten bei der Eigenregulation

Unstrukturierte Situationen stellen hohe Anforderungen an die Eigenregulation, d. h. die Fähigkeit, seine Handlungen zu steuern und seinen Erregungszustand an die jeweilige Situation anzupassen. Kinder mit ADHS haben zudem Schwierigkeiten mit der Reizverarbeitung.


Beim freien Spielen muss die Lage eingeschätzt und nebensächliche Reize müssen ausgeblendet werden. Bereits bei der Auswahl der Aktivitäten (Wohin gehe ich zuerst? Was mache ich? Mit wem spiele ich?) kommt es zu Problemen. Die Kinder scheinen entweder zu gar nichts Lust zu haben oder sie interessieren sich für alles gleichzeitig, sodass sie von den stärksten Umgebungsreizen „ferngesteuert“ werden. Weiter setzt das Bei-der-Sache-Bleiben eine Fokussierung auf die eigene Tätigkeit voraus, während das Übergehen zu einer neuen Sache eine Aufmerksamkeitsverschiebung erfordert. Auch dies bereitet reizoffenen Kindern in einer reizvollen Umgebung große Schwierigkeiten, weil sie ständig abgelenkt werden. Die Probleme verstärken sich, je schwerer einschätzbar die Spielsituation ist.


„Reguliertes Freispiel“

Feste Regeln und Abläufe, aber auch detaillierte Vorbereitung, Absprache oder Anleitung bieten eine Art äußere Steuerung. Regulierend kann auch eine begleitende Bezugsperson wirken, die das hyperaktive Kind motiviert, anleitet, anregt, ggf. ausbremst und, wenn es abschweift, „zurückholt“. Viele Kinder können ihre Aufmerksamkeit besser steuern, wenn sie sich an dem orientieren, was und wie die anderen spielen (häufig beim Freispiel in der Kita oder bei Geschwisterkindern). Das regulationsschwächere Kind lässt sich dann von einem anderen „mitsteuern“, möglicherweise folgt es dem anderen überall hin und wiederholt jede seiner Handlungen. Manchmal fühlen sich Spielkameraden durch das „Klammern“ genervt, viele Erwachsene sehen darin nur grenzüberschreitendes Verhalten, ohne zu berücksichtigen, dass es dem Kind so gelingt, seine Aufmerksamkeit ausdauernd auf eine andere Person und deren Aktivitäten zu richten.


„Freiheit“ von der Bezugsperson

Erst wenn sich ein Kind in der jeweiligen Umgebung zurechtfindet, kann es die Freiheit von seiner Bezugsperson selbstbestimmt nutzen. Sobald dies der Fall ist (z. B. zuerst in vertrauter Umgebung), reduziert sich meiner Erfahrung nach automatisch das „störende“ Verhalten und

es kommt zur (Hyper-)Fokussierung auf selbstgewählte Tätigkeiten, sodass man sich als Eltern zunehmend zurückziehen kann:


Selbstverwirklichung im freien Spiel

Überforderung beim freien Spiel
Das Kind vertieft sich in ein Spiel.
Das Kind springt von einem Spiel zum nächsten.
Es ist mit Lust und Spannung bei der Sache. Es ist nicht bei der Sache.
Es wirkt konzentriert. Es wirkt hektisch, verwirrt oder verträumt.
Es spielt „echt“ mit anderen Kindern Es albert herum oder ärgert andere Kindern.
Begleitung/Einmischung wird als störend empfunden (Eltern werden weggeschickt oder nicht beachtet) Begleitung/Anleitung wird genossen (Eltern werden herbeigerufen oder ihre Aufmerksamkeit wird gesucht).
zunehmender Rückzug der Bezugsperson verstärkte Begleitung durch Bezugsperson



Ungünstige Folgen von zu viel / zu früher Eigenverantwortung


Man würde kaum auf die Idee kommen, einen wenige Monate alten Säugling auf einem belebten Spielplatz allein im Sandkasten spielen zu lassen. Stattdessen würde man sich neben ihn setzen, die Umgebung kommentieren, ihm vielleicht Sand über den Arm rieseln oder ein Förmchen in die Hand geben, bis er durch Weinen anzeigen würde, dass er nun genug hat, woraufhin man ihn beruhigend an die Brust oder in den Kinderwagen legen, also in eine bekannte Umgebung bringen würde. Auf diese Weise hilft man ihm, sich sanft an neue Reize zu gewöhnen. Man begleitet ein Baby intuitiv, weil seine Überforderung deutlich erkennbar ist: Sein eingeschränkter Aktionsradius entspricht seiner Fähigkeit zur Reizverarbeitung. Das ist bei hyperaktiven Kleinkindern anders: Ihre frühe und schnelle (Fort-)Bewegung, Stärke (undosierte Kraft), Furchtlosigkeit (mangelndes Risikobewusstsein) und Unempfindlichkeit (mangelnde Körperwahrnehmung) führen oft zu einer Überschätzung ihrer sozial-emotionalen und regulatorischen Fähigkeiten. Auf Reizüberforderung reagieren sie oft nicht durch Rückzug/Reizvermeidung, sondern durch verstärkte Unruhe/Reizsuche. So denkt man als Eltern leicht, das Kind benötige mehr Freiraum und neue Orte und Aktivitäten. Wenn es wegläuft, meint man, es will woanders hin, obwohl es nicht verweilen kann. Wenn es Freunde haut,

versucht man, es mit Kindern zusammen zu bringen, die sich vielleicht wehren o. ä. Viele Eltern versuchen auch, dem Kind mehr Verantwortung zu übertragen, damit es Eigenverantwortung lernt. Dadurch wird es immer neuen Reizen ausgesetzt, die es nicht verarbeiten kann. Es gerät in immer neue Situationen, die es nicht einschätzen und erst recht nicht allein bewältigen kann. Es kommt verstärkt zu Reizüberflutung und (sozialer) Überforderung, die für das Kind (und seine ganze Umgebung) mit höchster Erregung, Stress und Frustrationen einhergehen.


Das Problem mit dem Grenzen(durch) setzen

Bevor man über Grenzensetzung und -durchsetzung nachdenkt, sollte man sich klarmachen, dass das (unwillkürliche) Übertreten von Grenzen/Regeln ein primäres Symptom von ADHS ist. Das Verhalten folgt oft direkt aus den Wahrnehmungs- und Steuerungsproblemen und lässt sich grundsätzlich nicht „aberziehen“. Verwunderlicherweise wird dies selbst von „Fachleuten“ oft verkannt und den Eltern suggeriert, dass sie das grenzüberschreitende Verhalten irgendwie ändern könnten/müssten.


Im Gegensatz zu der landläufigen Auffassung, dass hyperaktive Kinder zu wenig Grenzen kennen, erfahren sie viel mehr Grenzen, Konsequenzen und negative Reaktionen als andere Kinder. Sie stoßen von klein auf an objektive Grenzen und machen die Erfahrung, dass sie ständig begrenzt werden (müssen). Schon von daher sollte man über jede (weitere) Begrenzung sorgsam nachdenken.


Seit mein Sohn mit fünf Monaten zu krabbeln begann, musste ich im Minutentakt Gefahren von ihm oder anderen Kindern abwenden. Andere Kleinkinder kamen mir „vernünftig“ vor: Sie liefen nicht (mehr) vor Autos und Fahrräder, zerbrachen keine Gläser in der Hand, sprangen
nicht kopfüber von Stühlen, kippten nicht jeden Mülleimer aus und versuchten auch nicht, Wachsmalstifte und spitze Gegenstände zu essen. Weil sie nicht nach so „originellen“ Tätigkeiten strebten, mussten ihre Eltern sie auch nicht ständig einschränken.


Im Bemühen, unseren Sohn zu „zähmen“, haben wir ihn viele Male motiviert (oder gezwungen), verschüttetes Wasser aufzuwischen, sich bei weinenden Kindern zu entschuldigen oder sich in seinem Zimmer zu „beruhigen“. Wir haben – jahrelang – jeden Spielplatz nach wenigen Minuten verlassen, weil er geschubst, gehauen oder gebissen hatte. Wir haben unzählige mehr oder weniger sinnvolle „Wenn ... dann“–Regeln aufgestellt, immer wieder angedroht und durchgesetzt, auch wenn wir das Gefühl hatten, ihn damit nicht zu erreichen. Mit vier antwortete er auf die Frage „Weißt du eigentlich, warum man nicht mit Sand werfen darf?“ mit: „Weil ich dann Mecker kriege.“ Als er in einen Kinderwagen kletterte und („Süßes Baby!“ rufend) einem schlafenden Neugeborenen ins Bein biss, worauf dieser mitsamt seiner Mutter in Tränen ausbrach, fragte er genervt: „Muss ich jetzt wieder auf der Bank sitzen?“. Einmal saßen wir fast zwei Stunden mit ihm in der Küche, bis er nach etlichen Tränen und Tobsuchtsanfällen endlich etwa 100 zerstreute Zahnstocher aufgesammelt hatte. Da nach lobten wir ihn, erschöpft und am Ende unserer Kräfte, im nächsten Moment schleuderte er überschwänglich die noch offene Zahnstocherdose durch die Luft ...

Mangelndes Folgenverständnis und impulsives Handeln


Die Ignoranz vieler hyperaktiver Kinder gegenüber den natürlichen Folgen ihres Handelns fällt oft bereits im Säuglingsalter, lange vor der (Nicht-)Reaktion auf erzieherische Konsequenzen auf: Sie tun Dinge immer wieder (auch wenn es für sie ungünstig ist) – und scheinen oft

immer wieder von den Folgen überrascht. Für die Verknüpfung einer Ursache mit seiner Folge ist ein Halten der Aufmerksamkeit während des gesamten Kausalvorgangs erforderlich. Um auf die Erfahrung zugreifen zu können, muss ein Kind eine folgende Situation als vergleichbar erkennen. Damit haben hyperaktive Kinder Probleme. Sie erfassen Kausalitäten schlechter und lernen langsamer aus Erfahrungen. Außerdem handeln sie oft spontan, ohne dabei an die (eigentlich bekannten) Folgen denken zu können. Dies gilt auch für positive Folgen!

Langsameres Verständnis von Regeln

Hyperaktive Kinder zeigen ein extremes Neugierverhalten. Außergewöhnliches, auch jede Ausnahme, prägt sich ihnen besonders ein und löst – im Gegensatz zu gewöhnlichen Alltagshandlungen – sofortigen Nachahmungseifer aus. (Mein Sohn hat bis heute einen versierten

Blick für die „verkehrte“/zweckentfremdete Nutzung von Geräten und eine beeindruckende Aufmerksamkeitsspanne für durch die Luft fliegende Bausteine, einstürzende Türme, bei Rot die Straße überquerende Personen etc.) Die üblichen Abläufe und (auch sozialen) Regeln laufen an ihrer Aufmerksamkeit hingegen oft vorbei. Zwar können sich alle Menschen besser auf spannende Dinge konzentrieren – Menschen mit ADHS können sich aber nur darauf konzentrieren. Dies macht im Alltag einen gewaltigen Unterschied, da etliche Handlungen nicht wie bei neurotypischen Kindern „nebenbei“ erlernt werden. Hyperaktive Kinder können eine Regel eher verinnerlichen, wenn sie als sinnvoll anerkennen und unbedingt einhalten möchten. Aus diesem Grund sollte man Regeln überzeugend begründen, klar vertreten und selbst konsequent einhalten. Die kindliche Regelüberschreitung konsequent zu ahnden, trägt hingegen oft eher zur Ablehnung der Regel durch das Kind bei.

Erzieherische Konsequenzen

Bei den erzieherischen Konsequenzen legen die Eltern (zusätzliche) Folgen für ein kindliches (Fehl-)Verhalten fest. Konsequenzen werden am besten verinnerlicht, wenn sie immer direkt auf die Handlung folgen – was bedeutet, dass man sich dadurch auch als Eltern auf eine Reaktion festlegt und insoweit unflexibel wird. Meiner Erfahrung nach machen sie erst Sinn, wenn das Kind schon ein gewisses Verständnis für die natürlichen Folgen seines Handelns entwickelt hat und sein Verhalten entsprechend steuern kann. Solange ein Kind immer über dieselben Gegenstände stolpert, sich immer wieder in derselben Schublade einklemmt, mit Sand wirft, den es selbst ins Auge bekommt und auf Hunde zurennt, obwohl es schon mal gebissen wurde – solange es nicht einmal aus wiederkehrenden unmittelbar schmerzhaften Erfahrungen lernt, ist es logischerweise auch für weitaus abstraktere „logische Konsequenzen“ kaum empfänglich.



https://adhs-deutschland.de/pdf/2_7_familie/neue_AKZENTE_Nr.114-3_2019_Lea-Ibell_Beduerfnisorientierte-Begleitung-hyperaktiver-Kinder.pdf


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