Zusammenhang zwischen ADHS und Dauerstress?
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Polemix -
25. September 2025 um 19:28 -
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- ADHS und Stress: Überarbeiteter Artikel zum Stresshormon Cortisol
ADHS und Stress: Überarbeiteter Artikel zum Stresshormon Cortisol
Der Zusammenhang zwischen ADHS und Dauerstress
Menschen mit ADHS haben eine neurobiologische Besonderheit, die sie besonders anfällig für Stress macht. Ihre Stresssysteme reagieren anders als bei Nichtbetroffenen: Bei ADHS-HI (hyperaktiver Typ) sind die Cortisolantworten oft abgeflacht, während bei ADHS-I (unaufmerksamer Typ) überhöhte Stressreaktionen auftreten. Diese Dysregulation der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HPA-Achse) führt dazu, dass ADHS-Betroffene bereits auf geringere Mengen an Stresshormonen mit Stress reagieren.
Dauerstress bei ADHS erkennen
Typische Symptome von chronischem Stress
ADHS-Betroffene unter Dauerstress zeigen häufig folgende Anzeichen:
- Blackout-Reaktionen: Das Arbeitsgedächtnis wird überlastet und reagiert mit einem "Kurzschluss"
- Burnout-Symptome: Emotionale, körperliche und geistige Erschöpfung
- Störungen des Schlaf-Wachrhythmus
- Muskuläre Verspannungen (oft als Nacken- oder Rückenschmerzen)
- Schwächung des Immunsystems
- Verstärkte emotionale Dysregulation und Stimmungsschwankungen
- Verschlechterung der Konzentrationsfähigkeit
Die besondere Stressanfälligkeit bei ADHS
ADHS-Betroffene nehmen Stress bei gleichem Cortisolspiegel intensiver wahr als Menschen ohne ADHS. Zusätzlich verstärkt Stress die bereits vorhandenen Neurotransmitter-Störungen: Das gestörte Dopamin- und Noradrenalin-Gleichgewicht wird weiter verschoben, was ADHS-Symptome wie Impulsivität und Ablenkbarkeit intensiviert.
Die Rolle von Cortisol bei ADHS
Cortisol ist das primäre Stresshormon, das in der Nebennierenrinde produziert wird. Bei ADHS zeigen sich charakteristische Veränderungen der Cortisolwerte:
- Verringerte basale Cortisolspiegel: 18 von 26 Studien fanden erniedrigte Grundwerte
- Subtypenspezifische Unterschiede: ADHS-HI zeigt oft abgeflachte, ADHS-I überhöhte Cortisolreaktionen auf Stress
- Veränderte Cortisol-Aufwachreaktion bei Kindern mit ADHS
Natürliche Methoden zur Cortisol-Regulation
Atemtechniken für sofortige Stressreduktion
Bewusstes Atmen kann den Cortisolspiegel in wenigen Minuten senken:
- 4-7-8-Methode: 4 Sekunden einatmen, 7 Sekunden anhalten, 8 Sekunden ausatmen
- Bauchatmung: Tiefe Atemzüge in den Bauch zur Beruhigung des Nervensystems
- Wechselatmung: Abwechselndes Atmen durch die Nasenlöcher
Achtsamkeit und Meditation
Achtsamkeitstechniken sind bei ADHS sehr gut zur Behandlung geeignet. Eine Metaanalyse fand in 11 von 12 Untersuchungen positive Ergebnisse:
- Stressabbauend und stressvorbeugend
- Verbesserung der Exekutivfunktionen
- Reduzierung des Cortisolspiegels um bis zu 30%
- Verbesserung der Kernsymptome Unaufmerksamkeit und Hyperaktivität
Praktische Ansätze für ADHS-Betroffene:
- Kurze, geführte Meditationen (Apps wie Headspace oder Calm)
- Progressive Muskelentspannung nach Jacobson (Kurzversion empfohlen)
- Achtsamkeitsübungen im Alltag (bewusstes Essen, Geschirrspülen ohne Ablenkung)
Körperliche Aktivität
Regelmäßige Bewegung hilft, überschüssiges Cortisol zu verbrennen:
- Sanfte Bewegungen wie Yoga oder Spaziergänge reduzieren Stresshormone ohne Überlastung
- Ausdauertraining senkt nachweislich den Cortisolspiegel
- 150 Minuten moderate Aktivität pro Woche werden empfohlen
- Massagetherapie bewirkt eine 31% verringerte Cortisolantwort auf Stress
Tagesstruktur und Selbstmanagement
Eine klare Struktur im Alltag hilft enormou und reduziert Stress:
Zeitmanagement-Techniken:
- Pomodoro-Technik: 25-minütige Arbeitsblöcke mit kurzen Pausen
- Prioritätenlisten: Aufgaben nach Dringlichkeit sortieren
- Digitale Tools: Apps wie Todoist oder Trello für bessere Organisation
Selbststrukturierung:
- Feste Tagesabläufe entwickeln
- To-Do-Listen schriftlich oder digital führen
- Realistische Zeitschätzungen für Aufgaben
- Störungsfreie Arbeitsumgebung schaffen
Soziale Kontakte und Entspannung
Soziale Bindungen haben großen Einfluss auf den Cortisolspiegel:
- Lachen mit Freunden reduziert nachweislich Stresshormone
- Berührungen und Umarmungen fördern Oxytocin-Ausschüttung
- Gespräche mit vertrauten Personen helfen bei der emotionalen Verarbeitung
Burnout-Prävention bei ADHS
Menschen mit ADHS haben ein besonders hohes Burnout-Risiko. Ihre Exekutivfunktionsdefizite sind ein zentraler Faktor für diese Erschöpfung.
Präventive Maßnahmen
Work-Life-Balance wiederherstellen:
- Gleichgewicht zwischen Arbeit und Freizeit schaffen
- Schlaf, Sport und Ernährung anpassen
- Entspannungstechniken erlernen
- Hobbys und soziale Kontakte pflegen
Frühwarnsignale erkennen:
- Bewusstsein für das eigene Befinden schärfen
- Individuelle Stressauslöser identifizieren
- Prioritäten setzen und realistische Ziele formulieren
Praktische Stressbewältigungsstrategien
Strukturierte Herangehensweise nach Simchen
Dr. Helga Simchen empfiehlt folgendes Vorgehen zur Stressbewältigung:
- Stärken kennen und immer wieder benennen
- Stressauslöser identifizieren: "Was macht mir am meisten Stress und wie reagiere ich darauf?"
- Bewährte Strategien reflektieren: "Wie gelang es mir bisher, Stress zu reduzieren?"
- Drei wesentliche Maßnahmen gegen Stress formulieren und schriftlich fixieren
- Konkrete Ziele aus Vorsätzen ableiten
- Zeitmanagement verbessern und Selbstvertrauen aufbauen
- Entspannungstechniken erlernen
- Erfolge genießen, sich loben und belohnen
Akute Stress-Interventionen
Bei akutem Stress helfen folgende Sofortmaßnahmen:
- Kurz das Zimmer oder die Wohnung verlassen
- An etwas Schönes denken
- Durchatmen und bis 10 zählen
- Laut "Stopp" zu sich selbst sagen
- Eine kurze Entspannungsübung machen
Langfristige Ansätze
Ernährungsunterstützung
Die Ernährung beeinflusst Stress und ADHS-Symptome:
- Mageres Protein, komplexe Kohlenhydrate und gesunde Fette bevorzugen
- Zucker und Koffein begrenzen zur Vermeidung von Hyperaktivität
- Omega-3-Präparate zur kognitiven Unterstützung erwägen
- Vitamine B1, B2, B6, B12 können Stresshormone reduzieren
Professionelle Unterstützung
Eine Psychotherapie kann helfen:
- Negative Denkmuster und Perfektionismus identifizieren
- Selbstfürsorge entwickeln
- Zu einem positiveren Selbstbild finden
- Stressbewältigungsstrategien erlernen
Strukturierte Stressbewältigungsprogramme für ADHS-Betroffene umfassen Module zu:
- Zeit- und Selbstmanagement
- Kognitivem und emotionalem Stressmanagement
- Erholungs- und Regenerationstechniken
- Achtsamkeitstraining
Fazit
Die Regulierung des Stresshormons Cortisol ist für Menschen mit ADHS von besonderer Bedeutung, da ihre neurobiologischen Besonderheiten sie anfälliger für Dauerstress machen. Ein multimodaler Ansatz aus Achtsamkeitstraining, körperlicher Aktivität, strukturiertem Selbstmanagement und sozialer Unterstützung kann dabei helfen, den Cortisolspiegel zu regulieren und die Lebensqualität zu verbessern. Wichtig ist dabei, individuelle Stressauslöser zu erkennen und ein persönliches Repertoire an Bewältigungsstrategien zu entwickeln.
Über den Autor
Über den ADHS & Autismus Beratungsnetzwerk Wetterau e.V.
Was 2018 mit einem kleinem ADHS-Forum begann, hat sich kontinuierlich zu einem umfangreichen Forum entwickelt. Ab 2021 rückten wir Autismus näher in den Fokus. In diesem Jahr waren wir ein Teil des ADHS Deutschland e.V. – ein wichtiger Schritt um mit professionellem Know-How, Netzwerk und Ressourcen zu arbeiten. Bis es 2022 zu einer echten Verschmelzung gekommen ist: Wir sehen ADHS und Autismus zusammen, nicht getrennt – mit explizitem Fokus auf die Doppeldiagnose. Damit waren wir die erste Plattform überhaupt mit diesem Fokus. 2025 expandierten wir lokal: Gründung unseres eigenen Vereins, einer lokalen Selbsthilfegruppe und einer Beratungsstelle in Bad Vilbel im Wetteraukreis.