Autismus-Diagnosen: Entwicklung und Unterschiede zwischen ICD-10, DSM-5 und ICD-11

Community, Selbsthilfegruppen, Beratungsangebot, Adressverzeichnis in unserem Dachverband

Ein Login, Alle Features

Unterschiedliche Formen des Autismus nach ICD-10

In der derzeit noch gültigen ICD-10 wird Autismus als tiefgreifende Entwicklungsstörung (F84) klassifiziert und in verschiedene Subtypen unterteilt:

  • F84.0 Frühkindlicher Autismus (auch Kanner-Autismus genannt)
  • F84.1 Atypischer Autismus
  • F84.5 Asperger-Syndrom
  • F84.2 Rett-Syndrom
  • F84.3 Sonstige desintegrative Störung des Kindesalters
  • F84.4 Überaktive Störung mit Intelligenzminderung und Bewegungsstereotypien

Die drei Hauptformen des Autismus nach ICD-10 sind:

Frühkindlicher Autismus (F84.0): Manifestierung der Symptome vor dem 3. Lebensjahr, oft mit Verzögerung der Sprachentwicklung, Echolalien und möglicher Intelligenzminderung. Kann in niedrigfunktionalen Autismus (LFA) und hochfunktionalen Autismus (HFA) unterteilt werden.

Asperger-Syndrom (F84.5): Keine Verzögerungen in der Sprachentwicklung und kognitiven Entwicklung, normale bis sehr hohe Intelligenz, aber ausgeprägte Schwierigkeiten in sozialen Interaktionen.

Atypischer Autismus (F84.1): Erfüllt nicht alle Kriterien des frühkindlichen Autismus oder manifestiert sich erst nach dem 3. Lebensjahr.

Autismus-Spektrum-Störung nach DSM-5

Das DSM-5 (seit 2013) führte einen paradigmatischen Wandel ein, indem es alle bisherigen Autismus-Formen unter der einheitlichen Diagnose Autismus-Spektrum-Störung (ASS) zusammenfasst. Die kategorialen Subtypen Frühkindlicher Autismus, Asperger-Syndrom und Atypischer Autismus werden nicht mehr als separate Diagnosen erfasst.

Diagnosekriterien nach DSM-5

Kriterium A: Defizite in sozialer Kommunikation und Interaktion (alle drei Merkmale müssen erfüllt sein):

  • Defizite in der sozio-emotionalen Gegenseitigkeit
  • Defizite in nonverbaler Kommunikation
  • Defizite bei der Entwicklung und Aufrechterhaltung von Beziehungen

Kriterium B: Restriktive, repetitive Verhaltensmuster (mindestens zwei der vier Merkmale):

  • Stereotype motorische oder verbale Verhaltensweisen
  • Exzessives Festhalten an Routinen
  • Restriktive, intensive Interessen
  • Hyper- oder Hyporeaktivität auf sensorische Reize

Weitere Kriterien: Symptome bestehen seit frühester Kindheit, führen zu bedeutsamen Beeinträchtigungen und sind nicht durch andere Störungen erklärbar.

Das DSM-5 verwendet Schweregrade (Grad 1-3) zur Beschreibung des Unterstützungsbedarfs.

ICD-11: Die Zukunft der Autismus-Diagnose

Die ICD-11 wurde im Mai 2019 von der WHO verabschiedet und trat am 1. Januar 2022 in Kraft. In Deutschland ist sie jedoch aus lizenzrechtlichen Gründen noch nicht verbindlich nutzbar - die Einführung ist für 2027 geplant, könnte sich aber verzögern.

Wesentliche Änderungen in der ICD-11

Neue Klassifikation: Autismus wird nun als Neuromentale Entwicklungsstörung (6A02) kategorisiert, nicht mehr als tiefgreifende Entwicklungsstörung.

Einheitliches Spektrum-Konzept: Wie im DSM-5 werden alle bisherigen Subtypen unter Autismus-Spektrum-Störung zusammengefasst. Die kategorialen Unterscheidungen zwischen Frühkindlichem Autismus, Asperger-Syndrom und Atypischem Autismus entfallen.

Flexiblere Alterskriterien: Der Symptombeginn muss nicht mehr zwingend vor dem 3. Lebensjahr liegen - Symptome können auch später erkennbar werden, wenn soziale Anforderungen die Fähigkeiten übersteigen.

Sensorische Besonderheiten: Erstmals werden sensorische Auffälligkeiten explizit in die Diagnosekriterien aufgenommen.

Neue Spezifikationen: Anstelle der alten Subtypen erfolgt die Differenzierung nach:

  • Vorliegen oder Fehlen einer Störung der Intelligenzentwicklung
  • Schwere der Beeinträchtigung der funktionellen Sprache

Komorbidität: Die ICD-11 erlaubt erstmals die gleichzeitige Diagnose von Autismus und ADHS.

Entstehung der Autismus-Diagnosen im ICD

Historische Entwicklung

1911: Der Schweizer Psychiater Eugen Bleuler prägte den Begriff "Autismus" ursprünglich als Symptom der Schizophrenie - er beschrieb damit die Zurückgezogenheit und das "mit sich selbst beschäftigt sein" seiner Patienten.

1943-1944: Unabhängig voneinander beschrieben Leo Kanner (Baltimore) und Hans Asperger (Wien) Kinder mit ausgeprägten Störungen im Sozialkontakt:

  • Leo Kanner beschrieb 1943 den "frühkindlichen Autismus" (early infantile autism) bei Kindern mit schwerer Betroffenheit, starkem "In-sich-gekehrt-Sein" und oft geistiger Retardierung
  • Hans Asperger beschrieb 1944 "autistische Psychopathen im Kindesalter" - Kinder mit normalem Intellekt aber sozialen und kommunikativen Schwierigkeiten

Bis 1970er Jahre: Autismus galt als frühe Form der Schizophrenie ("kindliche Schizophrenie").

1975/1978: Der frühkindliche Autismus wurde erstmals in der ICD-9 unter dem Schlüssel 299.0 als "Infantiler Autismus" klassifiziert.

1994: Die ICD-10 trat in Kraft und etablierte die drei Hauptkategorien des Autismus als tiefgreifende Entwicklungsstörungen. Das Asperger-Syndrom wurde erst 1992 in die ICD-10 und 1994 in das DSM-IV aufgenommen. (1997 in Deutschland im ICD)

2013: Das DSM-5 führte das Spektrum-Konzept ein.

2022: Die ICD-11 übernahm das Spektrum-Konzept und modernisierte die Diagnosekriterien.

Ausblick

Die Einführung der ICD-11 in Deutschland wird eine wichtige Verbesserung der Autismus-Diagnostik bedeuten. Sie entspricht dem aktuellen wissenschaftlichen Stand, der zeigt, dass eine klare Unterteilung in die traditionellen drei Formen nicht möglich ist. Das neue dimensionale Spektrum-Konzept wird der Vielfalt autistischer Erscheinungsformen besser gerecht als die bisherigen kategorialen Einteilungen

Redaktionelle Angaben

Hinweise zur KI-Unterstützung

  • Ein oder mehrere Bilder in diesem Beitrag wurden mit Unterstützung von KI erstellt.

Zuletzt aktualisiert: 11. Juni 2026

Über den Autor

Über den ADHS & Autismus Beratungsnetzwerk Wetterau e.V.

Was 2018 mit einem kleinem ADHS-Forum begann, hat sich kontinuierlich zu einem umfangreichen Forum entwickelt. Ab 2021 rückten wir Autismus näher in den Fokus. In diesem Jahr waren wir ein Teil des ADHS Deutschland e.V. – ein wichtiger Schritt um mit professionellem Know-How, Netzwerk und Ressourcen zu arbeiten. Bis es 2022 zu einer echten Verschmelzung gekommen ist: Wir sehen ADHS und Autismus zusammen, nicht getrennt – mit explizitem Fokus auf die Doppeldiagnose. Damit waren wir die erste Plattform überhaupt mit diesem Fokus. 2025 expandierten wir lokal: Gründung unseres eigenen Vereins, einer lokalen Selbsthilfegruppe und einer Beratungsstelle in Bad Vilbel im Wetteraukreis.

Polemix Wissensammler