Autismus-Diagnosen: Entwicklung und Unterschiede zwischen ICD-10, DSM-5 und ICD-11
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Polemix -
16. September 2025 um 00:13 -
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Unterschiedliche Formen des Autismus nach ICD-10
In der derzeit noch gültigen ICD-10 wird Autismus als tiefgreifende Entwicklungsstörung (F84) klassifiziert und in verschiedene Subtypen unterteilt:
- F84.0 Frühkindlicher Autismus (auch Kanner-Autismus genannt)
- F84.1 Atypischer Autismus
- F84.5 Asperger-Syndrom
- F84.2 Rett-Syndrom
- F84.3 Sonstige desintegrative Störung des Kindesalters
- F84.4 Überaktive Störung mit Intelligenzminderung und Bewegungsstereotypien
Die drei Hauptformen des Autismus nach ICD-10 sind:
Frühkindlicher Autismus (F84.0): Manifestierung der Symptome vor dem 3. Lebensjahr, oft mit Verzögerung der Sprachentwicklung, Echolalien und möglicher Intelligenzminderung. Kann in niedrigfunktionalen Autismus (LFA) und hochfunktionalen Autismus (HFA) unterteilt werden.
Asperger-Syndrom (F84.5): Keine Verzögerungen in der Sprachentwicklung und kognitiven Entwicklung, normale bis sehr hohe Intelligenz, aber ausgeprägte Schwierigkeiten in sozialen Interaktionen.
Atypischer Autismus (F84.1): Erfüllt nicht alle Kriterien des frühkindlichen Autismus oder manifestiert sich erst nach dem 3. Lebensjahr.
Autismus-Spektrum-Störung nach DSM-5
Das DSM-5 (seit 2013) führte einen paradigmatischen Wandel ein, indem es alle bisherigen Autismus-Formen unter der einheitlichen Diagnose Autismus-Spektrum-Störung (ASS) zusammenfasst. Die kategorialen Subtypen Frühkindlicher Autismus, Asperger-Syndrom und Atypischer Autismus werden nicht mehr als separate Diagnosen erfasst.
Diagnosekriterien nach DSM-5
Kriterium A: Defizite in sozialer Kommunikation und Interaktion (alle drei Merkmale müssen erfüllt sein):
- Defizite in der sozio-emotionalen Gegenseitigkeit
- Defizite in nonverbaler Kommunikation
- Defizite bei der Entwicklung und Aufrechterhaltung von Beziehungen
Kriterium B: Restriktive, repetitive Verhaltensmuster (mindestens zwei der vier Merkmale):
- Stereotype motorische oder verbale Verhaltensweisen
- Exzessives Festhalten an Routinen
- Restriktive, intensive Interessen
- Hyper- oder Hyporeaktivität auf sensorische Reize
Weitere Kriterien: Symptome bestehen seit frühester Kindheit, führen zu bedeutsamen Beeinträchtigungen und sind nicht durch andere Störungen erklärbar.
Das DSM-5 verwendet Schweregrade (Grad 1-3) zur Beschreibung des Unterstützungsbedarfs.
ICD-11: Die Zukunft der Autismus-Diagnose
Die ICD-11 wurde im Mai 2019 von der WHO verabschiedet und trat am 1. Januar 2022 in Kraft. In Deutschland ist sie jedoch aus lizenzrechtlichen Gründen noch nicht verbindlich nutzbar - die Einführung ist für 2027 geplant, könnte sich aber verzögern.
Wesentliche Änderungen in der ICD-11
Neue Klassifikation: Autismus wird nun als Neuromentale Entwicklungsstörung (6A02) kategorisiert, nicht mehr als tiefgreifende Entwicklungsstörung.
Einheitliches Spektrum-Konzept: Wie im DSM-5 werden alle bisherigen Subtypen unter Autismus-Spektrum-Störung zusammengefasst. Die kategorialen Unterscheidungen zwischen Frühkindlichem Autismus, Asperger-Syndrom und Atypischem Autismus entfallen.
Flexiblere Alterskriterien: Der Symptombeginn muss nicht mehr zwingend vor dem 3. Lebensjahr liegen - Symptome können auch später erkennbar werden, wenn soziale Anforderungen die Fähigkeiten übersteigen.
Sensorische Besonderheiten: Erstmals werden sensorische Auffälligkeiten explizit in die Diagnosekriterien aufgenommen.
Neue Spezifikationen: Anstelle der alten Subtypen erfolgt die Differenzierung nach:
- Vorliegen oder Fehlen einer Störung der Intelligenzentwicklung
- Schwere der Beeinträchtigung der funktionellen Sprache
Komorbidität: Die ICD-11 erlaubt erstmals die gleichzeitige Diagnose von Autismus und ADHS.
Entstehung der Autismus-Diagnosen im ICD
Historische Entwicklung
1911: Der Schweizer Psychiater Eugen Bleuler prägte den Begriff "Autismus" ursprünglich als Symptom der Schizophrenie - er beschrieb damit die Zurückgezogenheit und das "mit sich selbst beschäftigt sein" seiner Patienten.
1943-1944: Unabhängig voneinander beschrieben Leo Kanner (Baltimore) und Hans Asperger (Wien) Kinder mit ausgeprägten Störungen im Sozialkontakt:
- Leo Kanner beschrieb 1943 den "frühkindlichen Autismus" (early infantile autism) bei Kindern mit schwerer Betroffenheit, starkem "In-sich-gekehrt-Sein" und oft geistiger Retardierung
- Hans Asperger beschrieb 1944 "autistische Psychopathen im Kindesalter" - Kinder mit normalem Intellekt aber sozialen und kommunikativen Schwierigkeiten
Bis 1970er Jahre: Autismus galt als frühe Form der Schizophrenie ("kindliche Schizophrenie").
1975/1978: Der frühkindliche Autismus wurde erstmals in der ICD-9 unter dem Schlüssel 299.0 als "Infantiler Autismus" klassifiziert.
1994: Die ICD-10 trat in Kraft und etablierte die drei Hauptkategorien des Autismus als tiefgreifende Entwicklungsstörungen. Das Asperger-Syndrom wurde erst 1992 in die ICD-10 und 1994 in das DSM-IV aufgenommen. (1997 in Deutschland im ICD)
2013: Das DSM-5 führte das Spektrum-Konzept ein.
2022: Die ICD-11 übernahm das Spektrum-Konzept und modernisierte die Diagnosekriterien.
Ausblick
Die Einführung der ICD-11 in Deutschland wird eine wichtige Verbesserung der Autismus-Diagnostik bedeuten. Sie entspricht dem aktuellen wissenschaftlichen Stand, der zeigt, dass eine klare Unterteilung in die traditionellen drei Formen nicht möglich ist. Das neue dimensionale Spektrum-Konzept wird der Vielfalt autistischer Erscheinungsformen besser gerecht als die bisherigen kategorialen Einteilungen