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Verstehen statt Urteilen – Ein praktischer Guide für Eltern, Fachkräfte und alle, die unterstützen möchten

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  • 11. März 2026 um 15:57
  • 748 Mal gelesen
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Wie wir die biologischen Grenzen zwischen neurodivergenten und neurotypischen Menschen überbrücken können – und warum das jetzt kritisch ist

Lesezeit: 22 Minuten
Inhaltsverzeichnis [VerbergenAnzeigen]
  1. Das Problem ist offensichtlich – und jetzt geht es um Lösungen
  2. Das Double Empathy Problem – Eine neue Perspektive auf „Verständnis"
    1. Was ist das Double Empathy Problem – und warum ist das Label wichtig?
    2. Was bedeutet das im Alltag mit deinem Kind?
  3. Die genetische Realität – ADHS und Autismus sind hochgradig vererblich
    1. Was bedeutet „hochgradig vererblich"?
    2. Die Zahlen: Was die Forschung zeigt
    3. Der zentrale Punkt: Undiagnostizierte und unerkannte Eltern
    4. Ein Beispiel aus der Praxis
    5. Das Methylphenidat-Beispiel – Was ich in der Praxis sehe
      1. Die Situation, die ich immer wieder beobachte
      2. Was passiert?
      3. Was die Wissenschaft zeigt
      4. Wie wirkt das Medikament wirklich?
      5. Warum lehnen nicht-betroffene Eltern es ab?
  4. Die Folgen – Was ich beobachte
    1. Das Kind leidet
    2. Die Eltern-Kind-Beziehung wird beschädigt
    3. Helikopter-Eltern entstehen
    4. Unerkannte Neurodivergenz setzt sich fort
  5. Was wirklich hilft – praktische Lösungen
    1. Wenn du ein betroffenes Kind hast – egal ob du selbst betroffen bist oder nicht
    2. Wenn du in einer Beratungsstelle oder als Fachperson arbeitest
    3. Was muss sich ändern?

Im ersten Teil dieser Serie habe ich beschrieben, warum die biologische Unterschiedlichkeit zwischen neurodivergenten und neurotypischen Eltern so real ist – und warum „Verstehen" allein nicht reicht. Ich habe beobachtet, wie Eltern ohne eigene Diagnose ihre betroffenen Kinder oft nicht verstehen können, und wie diese fehlende Perspektive zu Ablehnung von wichtigen Therapien führt – besonders bei Medikamenten wie Methylphenidat.

Der zentrale Punkt war klar: Es gibt einen biologischen Faktor, den wir akzeptieren müssen. Aber Akzeptanz ist erst der Anfang. Die nächste Frage ist viel praktischer: Wie geht man damit um? Wie können wir als Eltern, Fachleute und als Gesellschaft diese Unterschiedlichkeit respektvoll überbrücken?

Genau darum geht es in diesem zweiten Teil. Nicht um Verständnis – sondern um konkrete Lösungen.

Wenn du Teil 1 noch nicht gelesen hast, findest du ihn hier: Verstehen ist nicht genug: Was Eltern ohne eigene Diagnose für ihre Kinder mit ADHS & Autismus brauchen

Das Problem ist offensichtlich – und jetzt geht es um Lösungen

Im ersten Teil haben wir das Problem klar identifiziert: Es gibt Eltern ohne eine ADHS- oder Autismus-Diagnose. Einige dieser Eltern könnten sogar selbst eine ADHS- oder Autismus-Diagnose haben – aber sie erkennen die Diagnose bei sich nicht oder möchten sie nicht sehen. Die Kinder dieser Eltern haben jedoch oft eine ADHS- oder Autismus-Diagnose. Diese biologische Unterschiedlichkeit führt zu Missverständnis, zu Ablehnung von wichtigen Therapien und zu Schmerz auf beiden Seiten.

Das war der Ausgangspunkt. Jetzt geht es um die praktische Frage: Wie können wir damit umgehen?

Wir schauen uns an:

  • Das Double Empathy Problem: Warum „Verstehen" zwischen neurodivergenten und neurotypischen Menschen so schwierig ist
  • Die genetischen Fakten: Warum ADHS und Autismus so häufig vererbt werden – und was das bedeutet
  • Konkrete Lösungen: Was Eltern, Fachleute und wir alle tun können

Nicht um jemanden zu überreden, etwas zu „verstehen", das sie nicht verstehen. Sondern um zu zeigen, was wirklich funktioniert.

Das Double Empathy Problem – Eine neue Perspektive auf „Verständnis"

Was ist das Double Empathy Problem – und warum ist das Label wichtig?

Das Double Empathy Problem ist eine Theorie von Dr. Damian Milton, der selbst autistisch ist. Die zentrale Aussage: Schwierigkeiten beim gegenseitigen Verstehen sind nicht einseitig. Das ist wichtig, weil wir lange Zeit dachten, dass autistische Menschen einfach nicht verstehen können – und das war falsch.

Für einen tieferen und ausführlichen Überblick über diese Theorie verweise ich auf unseren detaillierten Artikel: Was ist das Double Empathy Problem?

Was das Double Empathy Problem wirklich bedeutet:

  • Autistische Menschen verstehen andere autistische Menschen deutlich leichter
  • Nicht-autistische Menschen verstehen andere nicht-autistische Menschen deutlich leichter
  • Wenn autistische und nicht-autistische Menschen miteinander sprechen, wird es für beide schwieriger
  • Das ist nicht die „Schuld" eines von beiden. Das ist biologisch so.

Das ist eine fundamentale Verschiebung der Perspektive. Es geht nicht darum, dass autistische Menschen „besser werden müssen beim Verstehen". Es geht darum, dass wir verstehen: Es ist gegenseitig schwierig.

Was bedeutet das im Alltag mit deinem Kind?

Ein neurotypischer Elternteil und sein autistisches Kind sprechen sozusagen zwei verschiedene Sprachen. Das ist nicht die Schuld des Kindes – und auch nicht die Schuld des Elternteils. Es ist biologisch so.

Das Problem ist: In unserer Gesellschaft wird die neurotypische Art zu kommunizieren als die „normale" oder „richtige" definiert. Der Druck, zu verstehen und sich anzupassen, liegt fast ganz auf dem Kind. Das Kind muss sich der Welt des Elternteils anpassen – nicht umgekehrt.

Das ist unausgeglichen. Und es führt zu etwas, das ich in meiner Beratungspraxis immer wieder sehe: Kindern wird gesagt, dass etwas mit ihnen nicht stimmt. Ihre Art zu sein, zu denken, zu fühlen – das wird als Problem dargestellt, das sie „überwinden" müssen.

Das ist nicht die Wahrheit.

Die genetische Realität – ADHS und Autismus sind hochgradig vererblich

Was bedeutet „hochgradig vererblich"?

ADHS und Autismus sind beide hochgradig vererblich. Das ist nicht etwas, das „ein bisschen" in der Familie liegt – es ist ein starker genetischer Einfluss.

Wenn dein Kind ADHS oder Autismus hat, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass mindestens ein Elternteil auch diese Diagnose hat. Das Kind hat diese Gene nicht aus dem Nichts bekommen.

Praktisch bedeutet das: Wenn ein Elternteil ADHS oder Autismus hat, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass die Kinder es auch haben.

Die Zahlen: Was die Forschung zeigt

Bei ADHS liegt der genetische Einfluss bei etwa 70-80%. Das heißt nicht, dass du es zu 80% vererben wirst. Das heißt: Wenn ich die Unterschiede zwischen Menschen mit und ohne ADHS anschaue, sind etwa 70-80% dieser Unterschiede genetisch erklärbar.

Autismus ist genauso hochgradig vererblich. Die Forschung zeigt einen genetischen Einfluss von etwa 70-90%. Das bedeutet, dass Autismus genauso stark – wenn nicht sogar stärker – vererbt wird wie ADHS.

Das ist wichtig zu verstehen: Es ist nicht „ein bisschen genetisch". Es ist stark genetisch.

Der zentrale Punkt: Undiagnostizierte und unerkannte Eltern

Aber hier ist das Problem: Viele Eltern, deren Kinder ADHS oder Autismus haben, haben die Diagnose selbst nicht – oder erkennen sie nicht bei sich.

Warum?

Grund 1: Die Diagnose-Kriterien waren lange Zeit einseitig
ADHS wurde vor allem bei hyperaktiven Jungen diagnostiziert. Mädchen und Frauen, die unaufmerksam sind, verträumt wirken oder „leise" sind, wurden massiv übersehen. Viele dieser Frauen sind heute selbst Mutter und haben gelernt, ihre Symptome zu verstecken – mit Planerinnen, Vorbereitung, starren Routinen. Nach außen funktionieren sie. Niemand sieht die unglaubliche Anstrengung dahinter.

Autismus bei Mädchen und Frauen war lange Zeit noch weniger erkannt. Autistische Mädchen wurden oft als „schüchtern" oder „sensibel" beschrieben, statt die Autismus-Diagnose zu bekommen. Auch sie haben gelernt, sich anzupassen und ihre autistische Art zu verstecken.

Für einen detaillierten Überblick über dieses Phänomen verweise ich auf unseren Artikel: Frauen mit ADHS und Autismus – Warum sie unsichtbar bleiben und wie endlich die richtige Diagnose gelingt

Grund 2: Praktische Hürden
Die Wartelisten in Deutschland sind lang. Die Kosten sind hoch. Viele Eltern geben auf, bevor sie selbst diagnostiziert werden.

Grund 3: Das tiefere Problem – Masking und das Verstecken der eigenen Neurobiologie
Ein undiagnostizierter ADHS- oder autistischer Elternteil hat möglicherweise gelernt, die eigenen Bedürfnisse zu ignorieren oder sogar zu verstecken. Das Phänomen heißt Masking oder Camouflaging – das bewusste oder unbewusste Verstecken der eigenen neurodivergenten Merkmale, um sich „normal" zu wirken.

Sie wissen nicht, dass sie neurodivergent sind. Sie haben einfach gelernt, ihre Symptome zu verstecken, ihre Bedürfnisse zu ignorieren und sich anzupassen. Deshalb können sie nicht nur schwer die Bedürfnisse ihres Kindes verstehen – sie blockieren sie möglicherweise sogar aktiv. Denn das Kind, das seine Neurobiologie NICHT versteckt, wird als „schwierig" oder „problematisch" wahrgenommen.

Für einen detaillierten Überblick über Masking verweise ich auf unseren Artikel: Masking und Camouflaging bei Autismus: Wissenschaftliche Erkenntnisse und praktische Ansätze

Ein Beispiel aus der Praxis

Ich sehe immer wieder diese Konstellation: Ein Elternteil, das selbst ADHS oder Autismus hat – aber ohne Diagnose aufwuchs – setzt unbewusst die gleichen Erwartungen an sein Kind, die man an ihm selbst gestellt hat.

Das Elternteil sagt zum Kind: „Du musst dich einfach konzentrieren. Andere schaffen das auch." Oder: „Du brauchst nur mehr Disziplin." Oder: „Stell dich nicht so an."

Der Grund: Das Elternteil hat gelernt, dass die eigenen Schwierigkeiten ein Versagen sind, keine biologische Realität. Deshalb kann es nicht verstehen, dass das Kind nicht „zu faul" ist – sondern dass sein Gehirn anders arbeitet. Das Kind spürt diese fehlende Akzeptanz. Es lernt: „Mein Elternteil denkt, ich könnte anders sein, wenn ich nur wollte."

Das ist nicht Trauma im psychologischen Sinne – aber es ist schmerzhaft und es führt zu unnötigen Konflikten.

Das Methylphenidat-Beispiel – Was ich in der Praxis sehe

Die Situation, die ich immer wieder beobachte

In meiner ehrenamtlichen Arbeit in der Beratungsstelle Bad Vilbel und auch im privaten Alltag bin ich immer wieder auf folgende Situation gestoßen:

Eltern mit ADHS-Kindern (6-12 Jahre), wo Ärzte Methylphenidat verschrieben haben, lehnen es ab.

Diese Eltern haben Vorurteile über das Medikament. Sie sagen Dinge wie:

  • „Ritalin ist eine Droge – ich gebe meinem Kind keine Droge"
  • „Das Medikament verändert die Persönlichkeit"
  • „Mein Kind wird süchtig"
  • „Wir sollten es erst ohne Medikament versuchen"
  • „Das ist Ruhigstellung, keine Hilfe"

Das Gemeinsame: Diese Eltern hatten selbst keine oder noch keine ADHS-Diagnose. Sie konnten oder wollten nicht verstehen, dass betroffene Kinder mit diesem Medikament einen positiven Fortschritt machen – weil sie das Phänomen selbst nicht kennen. Oder weil es unbequem ist, zuzugeben, dass sie möglicherweise selbst ADHS haben könnten.

Was passiert?

Die Kinder bekommen das Medikament nicht. Diese wichtige Therapie wird ihnen vorenthalten. Und die Kinder leiden weiter – täglich. Sie kämpfen mit Konzentration, Impulskontrolle, Organisation. Sie scheitern in der Schule. Sie werden kritisiert. Sie werden beschämt.

Die Eltern lehnen das Medikament ab – oft nicht aus echter Sorge um das Kind, sondern möglicherweise aus unbewusster Sorge um sich selbst.

Was die Wissenschaft zeigt

Methylphenidat funktioniert: Bei 70-80% der betroffenen Kinder mit ADHS funktioniert es. Das ist keine Überraschung.

Und das Wichtigste: Methylphenidat ist nicht neu. Es wurde 1944 entwickelt und seit 1954 auf dem Markt – über 70 Jahre Erfahrung mit Millionen von Patienten weltweit. Das ist ein Medikament, das durchgehend untersucht, überwacht und optimiert wurde. Das zeigt Qualität und Zuverlässigkeit.

Es ist sicher: Langzeitstudien zeigen, dass es auch langfristig sicher ist. Es gibt kein erhöhtes Risiko für Wachstumsstörungen oder psychiatrische Probleme.

Die Angst vor Sucht ist falsch: Kinder mit unbehandeltem ADHS haben ein höheres Risiko für Drogenmissbrauch später. Kinder mit behandeltem ADHS haben ein geringeres Risiko. Das Medikament schützt also vor Sucht, nicht umgekehrt.

Wie wirkt das Medikament wirklich?

Im Gehirn eines Kindes mit ADHS arbeiten bestimmte Neurotransmitter-Systeme anders – insbesondere jene, die mit Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und Planung zu tun haben. Es geht nicht um „zu wenig" Aktivität, sondern um eine andere neurobiologische Regulation von Dopamin und Noradrenalin.

Methylphenidat optimiert diese Regulation. Das Kind kann sich plötzlich konzentrieren. Kann nachdenken, bevor es handelt. Kann sagen, was es sagen will, statt einfach zu platzen.

Das ist nicht „Ruhigstellung". Das ist Ermöglichung.

Für eine detaillierte, fachliche Erklärung der Neurobiologie empfehle ich unser Video: Neurobiologie des ADHS - so funktioniert Methylphenidat

Warum lehnen nicht-betroffene Eltern es ab?

Ein Grund könnte sein: Sie haben selbst ADHS oder Autismus, merken es nur nicht. Sie sind aufgewachsen mit der Idee, dass man sich „durchbeißen" muss. Dass man durch Willenskraft alles schafft.

Unbewusst könnten sie das Medikament für ihr Kind ablehnen, weil es für sie selbst unbequem ist, zuzugeben, dass auch sie Unterstützung brauchen könnten. Das Medikament ist wie ein Spiegel – und dieser Spiegel tut manchmal weh.

Noch wichtiger: Sie akzeptieren nicht, dass ADHS und Autismus hochgradig vererblich sind. Die Ablehnung des Medikaments für das Kind könnte eine unbewusste Ablehnung ihrer selbst sein.

Die Folgen – Was ich beobachte

Das Kind leidet

Wenn ein betroffenes Kind die Hilfe nicht bekommt, die es braucht, leidet es täglich. Es kämpft mit Konzentration, Impulskontrolle, Organisation. Es scheitert in der Schule. Es wird kritisiert. Es wird beschämt. Es denkt, dass etwas mit ihm nicht stimmt – obwohl es nur neurodivergent ist.

Ich sehe diese Kinder. Und es zerbricht mein Herz.

Die Eltern-Kind-Beziehung wird beschädigt

Der Elternteil versteht das Kind nicht. Das Kind fühlt sich nicht verstanden. Es entsteht ein Teufelskreis aus Frustration, Missverständnis und emotionaler Distanz.

Das Kind lernt: „Ich bin das Problem." Das ist nicht wahr.

Helikopter-Eltern entstehen

Wenn ein Elternteil sein Kind nicht versteht, kann Kontrolle wie eine Strategie wirken, um Chaos zu vermeiden. Der Elternteil überwacht ständig. Korrigiert ständig. Versucht, die „Unterschiedlichkeit" des Kindes zu „managen". Das nennt man Helikopter-Eltern – Eltern, die wie ein Hubschrauber über dem Kind schweben und jeden Schritt überwachen. Sie halten sich ständig in der Nähe auf, um das Kind zu behüten und zu kontrollieren.

Aus meiner Perspektive – als jemand, der selbst betroffen ist – sehe ich, dass diese Kontrolle dem Kind schadet. Das Kind lernt nicht, mit sich selbst umzugehen. Es lernt nur, dass es ständig überwacht wird. Dass es ständig falsch ist.

Das macht das Nervensystem des Kindes nicht ruhiger. Das macht es angespannter.

Unerkannte Neurodivergenz setzt sich fort

Das Kind mit ADHS und/oder Autismus wird möglicherweise auch nicht diagnostiziert. Es wird als „schwierig" oder „faul" beschrieben. Und dann wird es ein Erwachsener mit unerkannter Neurodivergenz – der möglicherweise selbst Kinder bekommt.

Der Zyklus beginnt von neuem.

Was wirklich hilft – praktische Lösungen

Wenn du ein betroffenes Kind hast – egal ob du selbst betroffen bist oder nicht

Klare deine eigene Situation:

Da ADHS und Autismus hochgradig vererblich sind, beziehe in Betracht, ob auch du als Elternteil diese Diagnose hast. Du kannst gerne mit unserem Online-Selbsttests für ADHS und Autismus: Dein Ratgeber aus über 4 Jahren Community-Erfahrung starten.

Akzeptiere, dass du die Neurobiologie deines Kindes möglicherweise nie vollständig durchschauen wirst – und das ist okay.

Lerne stattdessen, wie du mit dieser Unterschiedlichkeit umgehen kannst, ohne sie verstehen zu müssen.

Nimm dein Kind ernst:

Nimm dein Kind ernst, wenn es sagt, dass etwas zu laut ist, zu hell ist, zu viel ist.

Höre auf, die Wahrnehmung deines Kindes mit deiner eigenen zu vergleichen oder zu bewerten.

Ein betroffenes Kind beschrieb es so: „Wenn meine Mutter mir sagt, dass etwas nicht laut ist, weil es für sie normal ist – dann fühle ich mich nicht gehört. Mir wird nicht geglaubt."

Das ist die Wahrheit. Glaub deinem Kind.

Vertraue Fakten:

Vertraue den Fachleuten – und hinterfrage deine eigenen Vorurteile.

Wenn ein Arzt deinem Kind Methylphenidat empfiehlt und dein Kind damit klarer, konzentrierter, glücklicher ist – dann funktioniert das Medikament. Deine emotionalen Bedenken sind verständlich und legitim – aber sie sind nicht gleich Fakt.

Bilde dich fort. Lies, wie das Medikament wirkt. Sprich mit Menschen, die es nehmen. Überwinde innere Widerstände. Das ist wichtig – für dein Kind.

Lerne konkrete Strategien für den Umgang mit Dingen, die du nicht verstehst. Das ist nicht egoistisch. Das ist elterlich.

Praktiziere echte Unterstützung:

Gib deinem Kind Entscheidungsfreiheit in Bereichen, wo es sicher ist.

Biete externe Struktur an – Checklisten, Timer, visuelle Planer – aber zwinge nicht deren Nutzung auf.

Weniger Kontrolle bedeutet mehr emotionale Sicherheit für dein betroffenes Kind. Constant Monitoring macht das Nervensystem deines Kindes nicht ruhiger – es macht es angespannter.

Vertraue mehr. Überwache weniger. Das funktioniert.

Wenn du dich selbst dabei ertappst, dass du dein Kind ständig korrigierst oder überwachst, pausiere. Frage dich: „Mache ich das, weil es unsicher ist – oder weil es meine Angst lindert?"

Baue dir Unterstützung auf:

Baue dir Netzwerke mit Menschen auf, die wirklich verstehen – weil sie es selbst erleben.

ADHS & Autismus Online-Communities von Betroffenen sind oft deutlich hilfreicher als traditionelle Eltern-Selbsthilfegruppen. Dort wird nicht erklärt – dort wird gelebt und geteilt.

Wenn dein betroffenes Kind Medikamente braucht, werde zum Schutzschild gegen Mythen und Stigma. Du musst konkret wissen, warum Mythen über Sucht wissenschaftlich falsch sind. Das macht dich zum Anwalt deines Kindes gegen Stigma und unwissende Ratschläge – auch von anderen Eltern. (Methylphenidat bei ADHS: Ursachen, Fakten, Wirkmechanismus und Wege zur Verbesserung der Akzeptanz)

Wenn du in einer Beratungsstelle oder als Fachperson arbeitest

Verstehe die emotionale Realität:

Verstehe, dass Eltern ihre Kinder lieben, aber nicht immer verstehen. Das ist kein Versagen – das ist die menschliche Grenze angesichts biologischer Unterschiede.

Erkenne, dass hinter Widerstand oft eigene Traumatisierung oder unerkannte Neurodivergenz stecken kann. Ein Elternteil, das Hilfe ablehnt, könnte unbewusst seine eigenen Bedürfnisse ablehnen.

Arbeite mit Fakten, nicht mit Gefühlen:

Gebe Informationen, die evidenzbasiert sind – nicht emotional, sondern faktisch. Verweise auf Studien, Wirkungsmechanismen, konkrete Zahlen.

Sei geduldig, aber bleibe standhaft bei dem, was richtig ist. Mitgefühl bedeutet nicht, unwahre Mythen zu tolerieren.

Schaffe Vertrauen durch Klarheit:

Höre zu, ohne zu verurteilen. Aber sei dann klar: „Ich verstehe deine Angst. Die Wissenschaft sagt jedoch…"

Erkläre nicht nur das „Was", sondern auch das „Warum" – damit Eltern nicht das Gefühl haben, manipuliert zu werden.

Was muss sich ändern?

Bessere Diagnose-Kriterien und leichterer Zugang für Erwachsene

Viele Eltern sind undiagnostiziert, weil Diagnosen schwer zugänglich sind und die Kriterien historisch einseitig waren. Das muss sich ändern.

Spezialisierte Gruppen für verschiedene Konstellationen

Es sollte separate Gruppen geben:

  • Für betroffene Eltern: Wo gegenseitiges Verstehen möglich ist
  • Für nicht-betroffene Eltern: Wo sie lernen können, ohne die emotionale Last auf betroffene Eltern zu legen
  • Gemischte Gruppen mit klaren Regeln: gegenseitiger Respekt, nicht Druck zum Verstehen

Aufklärung gegen Medikamenten-Mythen

Der Mythos, dass Stimulanzien „Persönlichkeitsveränderungen" verursachen oder süchtig machen, ist hartnäckig und schädlich. Es braucht echte Aufklärung – nicht nur in Fachkreisen, sondern in Schulen, Kindergärten und Eltern-Foren.

Schulung für Pädagogen und Therapeuten

Lehrkräfte und Therapeuten sollten das Double Empathy Problem verstehen. Sie sollten wissen, dass undiagnostizierte Eltern ihre eigenen Traumatisierungen auf ihre Kinder projizieren können – unbewusst. Und sie sollten das mit Mitgefühl angehen.


Diese Fragen sollen zum Nachdenken einladen – und manchmal auch zur Selbstreflexion, wenn wir uns selbst darin wiedererkennen.

Veränderung entsteht nicht durch Theorie. Sie entsteht durch Menschen, die ihre Geschichten teilen – und durch andere Menschen, die zuhören, auch wenn die Wahrheit weh tut.

Ich freue mich auf deine Antwort. Und noch mehr freue ich mich darauf, die Geschichten zu lesen, die du teilst – weil nur durch offenen, ehrlichen Austausch können wir verstehen, wo die Grenzen liegen und wie wir sie im Alltag überbrücken können.

Schreib mir. Teile deine Erfahrung. Sei mutig. Das ist, was wir brauchen.

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Hast du Fragen? Willst du deine eigene Erfahrung teilen? Dann schreib mir – und lies auch den ersten Artikel dieser Serie: Verstehen ist nicht genug: Was Eltern ohne eigene Diagnose für ihre Kinder mit ADHS & Autismus brauchen

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Über den Autor

Über den ADHS & Autismus Beratungsnetzwerk Wetterau e.V.

Was 2018 mit einem kleinem ADHS-Forum begann, hat sich kontinuierlich zu einem umfangreichen Forum entwickelt. Ab 2021 rückten wir Autismus näher in den Fokus. In diesem Jahr waren wir ein Teil des ADHS Deutschland e.V. – ein wichtiger Schritt um mit professionellem Know-How, Netzwerk und Ressourcen zu arbeiten. Bis es 2022 zu einer echten Verschmelzung gekommen ist: Wir sehen ADHS und Autismus zusammen, nicht getrennt – mit explizitem Fokus auf die Doppeldiagnose. Damit waren wir die erste Plattform überhaupt mit diesem Fokus. 2025 expandierten wir lokal: Gründung unseres eigenen Vereins, einer lokalen Selbsthilfegruppe und einer Beratungsstelle in Bad Vilbel im Wetteraukreis.

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