Autismus & Hunde – Erfahrungen mit einem Shar-Pei und die Frage: eigener Hund oder Gasthund

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Wie ein Shar-Pei-Bulldoggen-Mischling meinen Alltag bereichert

Ella, 11 Jahre alt, ein Shar-Pei-Bulldoggen-Mischling mit ruhigem Blick und einer ganz besonderen Ausstrahlung. Dass sie bereits 11 Jahre alt ist, würde man ihr nie ansehen. Vor allem nicht, wenn man ihre Power und Fitness erlebt. Oft wird sie für einen jungen Hund von etwa 2 bis 4 Jahren gehalten.

Letztens sind wir mit einem weiteren Autisten über vier Stunden spazieren gegangen. Laut meiner Uhr waren es rund 21.000 Schritte. Der andere Autist war von Ella von Anfang an begeistert und hat beim Spaziergang die Leine übernommen. Ein schöner Moment. Als wir zuhause ankamen, war von Müdigkeit bei Ella keine Spur. Sie hätte gerne noch ein paar Runden im Park gedreht.

Ella ist seit über vier Jahren ein gern gesehener Gast bei uns. In diesem Beitrag möchte ich meine persönlichen Erfahrungen mit ihr teilen und aufzeigen, warum genau diese Hunderasse auch für andere Autisten etwas sein könnte.

Das erste Treffen

Unser erstes Treffen verlief typisch Shar-Pei: Die erste Stunde war Ella noch reserviert, hat mich beobachtet und die Lage sondiert. Dann war das Eis gebrochen und sie schaltete in den Kuschelmodus. Wer diese Rasse kennt, weiß: Wenn ein Shar-Pei-Mischling dich einmal akzeptiert hat, ist diese Bindung tief und verlässlich.

Was Ella für mich so besonders macht

Es sind die kleinen Dinge, die den größten Unterschied machen:

  • Sie leckt einem nicht das Gesicht ab und springt einem nicht entgegen. Kein aufdringlicher Körperkontakt, der überfordern kann.
  • Sie bellt kaum. Dauerhaftes Bellen ist für mich ähnlich belastend wie ein Baby, das unaufhörlich weint: die Lautstärke, die Unvorhersehbarkeit, die Hilflosigkeit. Ella ist ruhig.
  • Mit der Zeit lernt man, ihre Signale zu lesen. Sie kommuniziert auf ihre ganz eigene Art, die man erst kennenlernen muss.
  • Sie kommt auf dich zu, wenn sie bereit ist. Keine erzwungene Nähe, sondern echte, gewachsene Zuneigung.

Ella wird zum natürlichen Gesprächsöffner, besonders in Bus und Bahn. Menschen sprechen mich öfters an, fragen wie sie heißt und ob man sie streicheln darf. Für autistische Menschen, denen Smalltalk oft schwerfällt, kann das eine echte Erleichterung sein.

Ein besonders schöner Moment: Am Bahnhof wollte ich mir kurz etwas zu essen holen. Ella durfte nicht mit rein. Ein Zugbegleiter, den ich vom Zug her kannte, bot spontan an, kurz auf sie aufzupassen. Ich vermute, er hat selbst einen Hund. Hin und weg von Ella ist er jedenfalls bis heute. Ein echter Herzensmensch und ein Moment, den ich nicht vergessen werde.

Kuscheln als Stressabbau

Während ich diesen Blogbeitrag schreibe, liegt Ella bei mir im Arm und genießt meine Nähe und Wärme. Und ich genieße es genauso. Diese Kuscheleinheiten helfen mir, Stress und Druck abzubauen und mich besser zu konzentrieren. Es funktioniert ähnlich wie bei Kuscheltieren, die viele autistische Menschen als Anker und Beruhigungsmittel nutzen.

Viele Shar-Pei-Halter beschreiben ihre Hunde als „katzenhaft“. Sie kommen zum Kuscheln, wenn sie es möchten, und ziehen sich zurück, wenn sie genug haben. Für autistische Menschen, die selbst ein starkes Bedürfnis nach selbstbestimmter Nähe kennen, ist das oft eine echte Erleichterung. Ella hat dabei ihre ganz eigenen Vorlieben. Sie liebt es, am Rücken und Bauch gekrault zu werden.

Das Streicheln hat außerdem einen wissenschaftlich belegten Nebeneffekt: Es lockert und durchblutet die Hautfalten und der Körper schüttet dabei das Bindungshormon Oxytocin aus. Das stärkt die Verbindung zwischen Mensch und Hund messbar. Ob Hund oder Kuscheltier: Körperkontakt aktiviert das parasympathische Nervensystem, senkt den Cortisolspiegel und fördert Serotonin und Dopamin.

Mehr dazu: Warum nutzen autistische Erwachsene Kuscheltiere?

Kleine Erfolge, große Freude

Wenn man mich fragt, ob es den einen besonderen Moment mit Ella gibt: ehrlich gesagt nicht. Was mich wirklich bewegt, sind die kleinen Erfolge im Alltag. Ein ruhiger Spaziergang, ein entspannter Moment auf dem Sofa, ein Tag in der Gruppe ohne jede Anspannung. Diese kleinen Dinge summieren sich. Genau das ist es, was zählt.

Wenn man nach Hause kommt...

Ella freut sich, wenn ich nach einem anstrengenden Tag nach Hause komme. Und das ist schön. Gleichzeitig kennen viele Autisten und ADHSler das Gefühl: Man kommt erschöpft an und braucht erst einmal 10 Minuten Stille zum Energie tanken. Ella möchte in diesem Moment am liebsten alles auf einmal: Gassi, Kuscheln, Spielen. Das erinnert mich manchmal an das typische ADHS-Prinzip: alles gleichzeitig und sofort.

Es ist keine Situation, die mich überfordert oder in einen Meltdown bringt. Dafür bin ich froh, dass sie kein Bellhund ist. Aber es ist ein ehrlicher Moment, der einfach dazugehört.

Mehr dazu: Stressabbau bei ADHS und Autismus

Ella in der Selbsthilfegruppe

Unsere Selbsthilfegruppe in Friedberg gibt es erst seit April 2026. Viele Prozesse spielen sich noch ein, vieles ist neu. Und genau in dieser Phase gab es einen spontanen Moment, der etwas Besonderes war.

Da der Weg vom Bahnhof zur Gruppe in Friedberg kürzer ist als in Bad Vilbel, habe ich spontan entschieden: Ella kommt einfach mit. Kein großer Plan, kein Konzept. Einfach schauen, wie es funktioniert.

Es hat funktioniert. Ella hat sich bei allen kurz vorgestellt und sich dann hingelegt. Leise, still, fast unscheinbar. Und trotzdem hat sich etwas verändert. Schwer zu beschreiben, aber wer selbst in einer Gruppe sitzt und weiß, wie viel Energie soziale Situationen kosten können, der versteht vielleicht, was es bedeutet, wenn plötzlich ein Hund im Raum ist, der keine Erwartungen stellt, nichts von einem möchte und einfach nur da ist. Ella hat nichts getan. Und genau das hat gereicht.

Mal schauen, vielleicht kommt Ella ja noch einmal mit.

Ellas kleine Macke

Ella ist kein perfekter Hund. Und das soll sie auch gar nicht sein. Ihre bekannte Schwäche: kleine, weiße Hunde und Kläffer. Die kann sie schlecht ignorieren. Ob sie bellt, hängt von ihrer Tagesform ab, von der Größe und sogar der Farbe des anderen Hundes. Mit konsequenter Erziehung ist es in den letzten ein bis zwei Jahren aber deutlich besser geworden. Auch das gehört zur Ehrlichkeit dazu: Kein Hund ist makellos. Und das macht Ella nur sympathischer.

Zur Rasse: Was man wissen sollte

Ein Shar-Pei-Mischling ist kein Hund für jeden. Das ist wichtig zu wissen, bevor man sich für diese Rasse entscheidet:

  • Reserviert gegenüber Fremden. Shar-Peis brauchen Zeit, bevor sie Vertrauen schenken. Wer das respektiert, wird mit tiefer Loyalität belohnt.
  • Katzenhafter Charakter. Sie sind selbstständig, eigenwillig und bestimmen Nähe selbst. Das ist kein Fehler, sondern ihr Wesen.
  • Pflegebedarf der Hautfalten. Je nach Rasse und Züchtung kann das mehr oder weniger aufwendig sein. Bei Ella ist das zum Glück kein großes Thema.
  • Mäßiger Bewegungsbedarf. Kein Hochleistungssportler, aber regelmäßige Spaziergänge sind wichtig.
  • Frühe Sozialisierung entscheidend. Je früher der Hund verschiedene Menschen, Tiere und Situationen kennenlernt, desto ausgeglichener wird er.

Aufgewachsen mit einem Schäferhund-Mischling

Ella ist nicht der erste Hund in meinem Leben. Ich bin mit Gina, einem Schäferhund-Mischling, aufgewachsen: aktiv, verspielt, deutlich größer als Ella. Gina hat mir früh beigebracht, Verantwortung für ein Lebewesen zu übernehmen. Wir sind von klein auf zusammen groß geworden. Gina ist mit 9 Jahren plötzlich gestorben – vermutlich ein Herz- oder Hirnschlag, ganz genau wissen wir es bis heute nicht. Das war ein einschneidender Moment. Solche Momente zeigen, wie tief die Verbindung zwischen Mensch und Tier wirklich sein kann.

Warum ich mir keinen eigenen Hund zulege – und warum das völlig in Ordnung ist

Ich werde oft gefragt, warum ich mir nicht dauerhaft einen eigenen Hund oder eine Katze zulege. Die Antwort ist einfacher als viele denken: Es ist eine bewusste Entscheidung. Und eine selbstfürsorgliche.

Ein eigener Hund bedeutet dauerhafte Verantwortung von Anfang an. Die Erziehung, je nachdem ob es ein Welpe ist oder ein Hund mit Vorgeschichte ist, würde mich persönlich alleine überfordern. Das wäre weder fair mir gegenüber noch dem Tier gegenüber.

Dazu kommt: Ich mache leidenschaftlich gerne Radtouren, oft 40 bis 90 km am Tag, in meinem eigenen Tempo, ohne Zeitdruck. Der Gedanke, dass zuhause jemand wartet, würde diese Touren für mich mit Stress verbinden. Diese Freiheit ist kein Luxus. Sie ist ein wichtiger Teil meiner Energie und meines Wohlbefindens.

Seit meiner Autismus-Diagnose habe ich viel über meine eigene Wahrnehmung gelernt, besonders im Umgang mit Tieren. Wie sehr ich die Nähe zu Hunden und Pferden mittlerweile genieße und zulassen kann. Ein Gasthund wie Ella ist für mich aktuell die perfekte Balance: Tierkontakt, Bindung und Freude, ohne dauerhafte Einschränkung.

Mein Rat an andere Autisten

Wer überlegt, ob ein Hund zum eigenen Leben passt, dem möchte ich folgendes mitgeben:

  • Rasse bewusst wählen. Ruhig, wenig bellend und überschaubare Größe. Ella ist für mich von Größe und Gewicht her ideal.
  • Erziehung nicht alleine angehen. Gemeinsam mit Eltern, Partner oder Freunden gestalten macht es deutlich leichter.
  • Eine zweite Bezugsperson einplanen. Für Momente des Overloads, Shutdowns oder Meltdowns ist es wichtig, dass der Hund auch bei jemand anderem gut aufgehoben ist.
  • Ehrlich mit sich sein. Passt ein Hund zu meinem Alltag, meiner Energie und meiner Lebenssituation? Wer diese Frage aufrichtig beantwortet, trifft die richtige Entscheidung, für sich und für das Tier.

Wer noch unsicher ist, ob ein Hund zum eigenen Leben passt, kann zunächst im Tierheim Gassi gehen. Viele Tierheime bieten genau das an: regelmäßige Spaziergänge mit den Hunden, ohne Verpflichtung. Das schafft ersten Kontakt, echte Erfahrung und hilft dabei, die eigene Reaktion auf Hunde besser einzuschätzen. Wichtig: Vorab das Tierheim kontaktieren und nicht einfach hinfahren. Das vermeidet Enttäuschungen. Wer sich dabei wohl fühlt, kann auch erwähnen, dass man selbst Autismus hat. Das ist keine Pflicht, kann aber helfen, Missverständnisse von vornherein zu vermeiden.

Sicherlich gibt es noch weitere Rassen, die für autistische Menschen gut geeignet sind. Ich bin gespannt, welche Erfahrungen unsere Community gemacht hat!

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Habt ihr selbst Erfahrungen mit Hunden im Autismus- oder ADHS-Alltag? Schreibt uns. Wir freuen uns über eure Geschichten!

Redaktionelle Angaben

Über den Autor

Über den ADHS & Autismus Beratungsnetzwerk Wetterau e.V.

Was 2018 mit einem kleinem ADHS-Forum begann, hat sich kontinuierlich zu einem umfangreichen Forum entwickelt. Ab 2021 rückten wir Autismus näher in den Fokus. In diesem Jahr waren wir ein Teil des ADHS Deutschland e.V. – ein wichtiger Schritt um mit professionellem Know-How, Netzwerk und Ressourcen zu arbeiten. Bis es 2022 zu einer echten Verschmelzung gekommen ist: Wir sehen ADHS und Autismus zusammen, nicht getrennt – mit explizitem Fokus auf die Doppeldiagnose. Damit waren wir die erste Plattform überhaupt mit diesem Fokus. 2025 expandierten wir lokal: Gründung unseres eigenen Vereins, einer lokalen Selbsthilfegruppe und einer Beratungsstelle in Bad Vilbel im Wetteraukreis.

Diagnostix Team