Licht und Schatten - Erfahrung zu Werkstätten für Menschen mit Behinderung | Undercover mit Marvin Wildhage

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Seit ca 25 Jahren arbeite ich im Sozialen Bereich, auch immer wieder in Werkstätten für Menschen mit Behinderung. Auch wenn ich aktuell selbst nicht mehr in einer Werkstatt als Gruppenleiter arbeite, komme ich immer wieder mit Gruppenleitern, Sozialarbeitern und Menschen die selbst die Werkstatt als „Mitarbeiter“ oder „Klienten“ besuchen bzw. dort arbeiten (je nach Werkstatt und Ansatz werden die Begriffe unterschiedlich gewählt) in Kontakt. Werkstätten gibt es in verschiedenen „Farben und Geschmacksrichtungen“, es gibt Einrichtungen für Menschen mit körperlichen, geistigen oder psychischen Einschränkungen und die verschiedensten Mischformen. Es gibt Einrichtungen von kirchlichen Trägern, Vereinen und vieles mehr. Meiner Meinung nach zeigen sich bei allen oft die Gleichen Stärken und Schwächen.

Für viele Menschen sind sie Arbeitsstätte, der Platz an dem sie Freunde und Austausch finden. Ein Ort wo sie „normal“ und integriert sind, da alle anderen wie sie sind oder es zumindest große Gemeinsamkeiten gibt. Aus meiner Sicht ist das eine der größten Stärken und Vorteile von solchen Einrichtungen. Die Menschen dort erleben einen „normalen“ Alltag, sie gehen Arbeiten wie man das so macht wenn man „groß“ ist. Sie erlernen neue Fähigkeiten treffen auf Kollegen mit denen sie sich auseinander setzten müssen, es kommt zu Konflikten aber auch zu Freundschaften und manchmal auch zu Romanzen. Es gibt Vorgesetzte mit denen man gut kann, andere vor denen man vielleicht etwas mehr Angst hat und andere die man gar nicht ernst nehmen möchte. Ein ganz normaler Arbeitsplatz also.

Immer wieder mal gibt es Diskussionen darüber, ob Werkstätten der richtige Weg sind. Ich persönlich bin zwiegespalten. Es gibt die Schattenseiten von denen ich später mehr schreiben werde. Dann gibt es aber die Momente wo man Menschen aufblühen sieht weil sie unter Menschen sind, die sie verstehen. Die über sich hinauswachsen, weil sie z.b. auf einmal die Starken sind, die anderen helfen können, statt wie ansonsten immer nur der Mensch zu sein, der anders ist und irgendwie nicht richtig ins System passt. immer der Außenseiter oder der „Schwächste“. Es ist unglaublich wie viel Potential in Menschen stecken kann, wenn sie nur richtig wahrgenommen und gefördert werden oder einfach nur auf das richtige Umfeld und auf die für sie richtigen Menschen treffen.

Ich habe erlebt wie Menschen fast schon gebrochen in Werkstätten zurück kamen, nach dem Versuch auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Oft war die Arbeit nicht das Problem, sondern das Kollegiale Umfeld, die Chefs und die fehlende Bereitschaft auf jemanden einzugehen der anders ist. Ich erinnere mich an einen Fall, wo eine Person weinend vor mir saß und berichtet hat, dass die Arbeit im ersten Arbeitsmarkt total Spaß gemacht hätte und sie überrascht war, dass sie das alles so hinbekommen hat, nachdem diese Hürde des ersten Arbeitsmarktes immer so groß erschien. Sie war unglaublich Stolz und auch das verdiente Geld war eine große Bereicherung. Aber der Druck der Kollegen, nicht an Gesprächen in den Pausen teilnehmen zu können, diese nicht immer zu verstehen und immer mehr ausgegrenzt zu werden weil man anders war und auf einmal nicht mehr die starke Person zu sein, die andere sogar unterstützen kann, das war für sie einfach zu viel.

Ich kenne allerdings auch das Gegenteil, bei dem zum Beispiel eine Person die körperlich stark eingeschränkt, geistig jedoch absolut fit war, einfach in eine Werkstatt für Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen „gesteckt“ wurde, weil das System nicht wusste was es mit ihr machen sollte.

Diese Person hatte niemand in ihrer Gruppe, eigentlich sogar niemanden in der gesamten Einrichtung mit dem sie sich auf einem Niveau unterhalten konnte. Damals gab es noch Zivildienstleistende (die dann auch alle paar Monate gewechselt haben) und Gruppenleiter, welche dann während der gesamten Arbeitszeit ihre einzige Gelegenheiten darstellten, auf einem Level zu kommunizieren. Es gab in der Werkstatt auch keine Arbeit die ihren geistigen Fähigkeiten angemessen gewesen wären, keine Möglichkeit des Lernens und des Wachsens.

Eine der größten Schattenseiten für mich und das hat sich aus meiner Sicht über die Jahre immer weiter verstärkt, ist der fehlende Respekt gegenüber den jeweiligen Menschen, die die Werkstätten besuchen.

Ich sehe das im gesamten Sozialen Bereich, jedoch verstärkt in Werkstätten. Es gibt vereinzelt, Werkstätten/ Gruppenleiter/ Sozialarbeiter die dagegen ankämpfen, aber aus meiner Sicht werden diese immer weniger. Menschen in Werkstätten sind oft unglaublich fleißig und engagiert, werden jedoch mit einem „Lohn“ unter Mindestlohnniveau abgespeist. Ihre Rechte werden oft untergraben und sie werden nicht ernst genommen. In den meisten Werkstätten gibt es z.b einen Werkstattrat, das ist quasi das Äquivalent zu einem Betriebsrat oder einer Mitarbeitervertretung, nur im Gegensatz dazu fast ohne Befugnisse oder Handlungsmöglichkeiten.

Viele Menschen haben ihre Beeinträchtigungen schon lange und haben mit der Zeit beigebracht bekommen, das ihre Stimme nicht zählt, sie „behindert“ sind und deswegen nichts selbst entscheiden können und/oder ihre Wünsche immer Bitten sind, welche nicht ernst genommen werden müssen. Es sind oft Menschen, die Hilfestellung benötigen um sich überhaupt erst an einen Werkstattrat zu wenden, sei es durch Zusprache oder Informationen. Manchmal kann es auch schon reichen, dass eine Person sich nicht alleine fortbewegen kann und Unterstützung braucht um ein Gespräch mit dem Rat ungestört in einem anderen Raum haben zu können.

In meiner Zeit als Gruppenleitung wurden wir von der Leitungsebene immer wieder aufgefordert, dass wir versuchen sollen „Mitarbeiter“ daran zu hindern sich an den Werkstattrat zu wenden. Ich persönlich wurde immer wieder unter Druck gesetzt Mitarbeiter nicht über ihre Rechte aufzuklären und sie nicht mehr darin unterstützen soll sich über den Werkstattrat in ihren Problemen vertreten zu lassen. Ich hatte (und habe) da immer einen anderen Blick auf die Welt, wir sind alles Menschen. Auch uns gibt es in verschiedensten Formen und Farben und das ist gut so.

Ich habe meist von den Menschen die ich Unterstützen sollte (so sehe ich meine Aufgabe) mehr gelernt als von den „gesunden/normalen“ Menschen. Ich setzte das gesunde/ normale extra in Anführungszeichen, weil wenn man genau hinsieht hat jeder Menschen seine Stärken und Schwächen und wir können alle voneinander lernen und miteinander wachsen.

Die Menschen in Werkstätten werden oft nicht ernst genehmen, ihnen wird nicht auf Augenhöhe begegnet, ihre Rechte werden schon alleine dadurch immer wieder eingeschränkt, das Informationen darüber nicht in für sie angemessener Form kommuniziert werden.

Auch Werkstätten können ein toller Arbeitgeber sein, wenn wie bei Inklusion grundsätzlich:

  • Menschen auf Augenhöhe mit Respekt begegnet wird (Jeder Mensch ist wertvoll und hat tolle Fähigkeiten)
  • Menschen in Entscheidungen mit eingebunden werden und ihre Stimmen gehört werden
  • Offene, klare, auf den Menschen und seine Fähigkeiten angepasste Kommunikation stattfindet

Update: 16.08.2026

Mein Nasophon deckt brutale Ausbeutung auf | Undercover in einer Behindertenwerkstatt

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Ein Gastbeitrag von einem Mitglied, der Name ist dem Verein bekannt.

Zuletzt aktualisiert: 23. August 2026

Über den Autor

Über den ADHS & Autismus Beratungsnetzwerk Wetterau e.V.

Was 2018 mit einem kleinem ADHS-Forum begann, hat sich kontinuierlich zu einem umfangreichen Forum entwickelt. Ab 2021 rückten wir Autismus näher in den Fokus. In diesem Jahr waren wir ein Teil des ADHS Deutschland e.V. – ein wichtiger Schritt um mit professionellem Know-How, Netzwerk und Ressourcen zu arbeiten. Bis es 2022 zu einer echten Verschmelzung gekommen ist: Wir sehen ADHS und Autismus zusammen, nicht getrennt – mit explizitem Fokus auf die Doppeldiagnose. Damit waren wir die erste Plattform überhaupt mit diesem Fokus. 2025 expandierten wir lokal: Gründung unseres eigenen Vereins, einer lokalen Selbsthilfegruppe und einer Beratungsstelle in Bad Vilbel im Wetteraukreis.

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