Autismus, ADHS und Angststörung: Wenn Ärzte die Angst übersehen

Community, Selbsthilfegruppen, Beratungsangebot, Adressverzeichnis in unserem Dachverband

Ein Login, Alle Features

Was wir in dem Blogbeitrag „Autismus und Angststörung als Komorbidität – ein umfassender Überblick“ bereits über das Thema Angststörung und Autismus erfahren haben: Dort haben wir beschrieben, wie häufig Angststörungen bei Autismus auftreten, welche Rolle sensorische Überlastung, soziale Anforderungen und Maskierung spielen und welche therapeutischen Möglichkeiten es gibt – von angepasster Verhaltenstherapie bis hin zu Medikamenten. Wir haben gezeigt, dass viele autistische Menschen zusätzlich zu ihrem Autismus mindestens eine weitere psychische Diagnose entwickeln, besonders Angststörungen und ADHS.

In diesem Beitrag möchte ich etwas tiefer in das Thema einsteigen – mit einem klaren Fokus auf erwachsene Menschen im Autismus- und ADHS-Spektrum, auf den Alltag, auf unterschiedliche Formen von Angst und auf die Frage: „Was ist Autismus, was ist ADHS – und was ist eine eigene Angststörung?“ Dabei fließen auch Erfahrungen aus Selbsthilfegruppen, Vorträgen und Arztkontakten sowie meine ganz persönliche Perspektive als betroffene Person mit ein. Mir ist wichtig, deutlich zu machen: Niemand ist mit diesen Themen allein, auch wenn es sich im Alltag oft so anfühlt.

Warum Angststörungen bei Autismus und ADHS so häufig sind

Angststörungen gehören bei Autismus und ADHS zu den häufigsten Begleiterkrankungen. In Studien wird deutlich, dass ein hoher Anteil der Erwachsenen mit Autismus oder ADHS im Laufe des Lebens zusätzlich eine Angststörung entwickelt. Komorbidität ist eher die Regel als die Ausnahme, nicht die Ausnahmeerscheinung.

Die Gründe sind vielfältig:

  • Dauerstress durch Reizüberflutung, Unvorhersehbarkeit und sozialen Anpassungsdruck.
  • Maskierung („Maske tragen“), um nicht aufzufallen, was enorme Kraft kostet und zu chronischer Erschöpfung führt.
  • Negative Erfahrungen wie Mobbing, Ausgrenzung und das Gefühl, nie wirklich zu genügen.

Wichtig ist: Autismus oder ADHS „erklären“ nicht jede Angst. Autistische und ADHS-typische Merkmale schaffen zwar oft die Grundlage für Überforderung, daraus kann aber zusätzlich eine eigenständige Angststörung entstehen, die als solche erkannt und behandelt werden sollte.

Was ist was? Autismus, soziale Phobie, generalisierte Angststörung und Depression

Autismus: andere Wahrnehmung, andere Belastung

Autismus beschreibt in erster Linie eine andere Art, Reize zu verarbeiten, zu denken und die Welt zu erleben. Typisch sind sensorische Überempfindlichkeiten, ein starkes Bedürfnis nach Struktur und Vorhersagbarkeit sowie Schwierigkeiten mit unausgesprochenen sozialen Regeln. Stress entsteht vor allem durch Reizüberflutung, unerwartete Veränderungen und komplexe soziale Situationen – nicht zwingend durch Angst vor negativer Bewertung.

Viele autistische Menschen sind im Alltag erschöpft, reizüberflutet und überfordert, ohne dass automatisch eine Angststörung oder Depression vorliegt. Für Außenstehende sieht das manchmal ähnlich aus, innerlich fühlt es sich jedoch häufig anders an.

Soziale Phobie: Angst vor Beobachtung und Bewertung

Bei einer sozialen Phobie (sozialen Angststörung) steht die intensive Angst im Vordergrund, in sozialen oder leistungsbezogenen Situationen von anderen negativ beurteilt oder abgelehnt zu werden. Typische Situationen sind öffentliche Vorträge, Sprechen in Gruppen, Essen vor anderen, Telefonate, Kennenlernen neuer Menschen oder Gespräche mit Autoritätspersonen wie Ärzten und Vorgesetzten.

Viele Betroffene fürchten, sich zu blamieren, „komisch“ zu wirken, zu erröten, zu zittern oder keinen klaren Satz herauszubekommen, und dass andere genau das sehen und negativ bewerten. Die Angst ist so stark, dass diese Situationen gemieden werden oder nur unter massivem inneren Druck ertragen werden.

Generalisierte Angststörung: ständige Sorgen im Hintergrund

Bei einer generalisierten Angststörung kreisen die Gedanken dauerhaft um Sorgen in vielen Lebensbereichen: Gesundheit, Arbeit, Finanzen, Beziehungen – oft ohne klaren Anlass. Die Sorgen sind schwer zu stoppen, das Grübeln läuft im Hintergrund permanent weiter. Häufig kommen Anspannung, Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme und körperliche Symptome wie Herzrasen, Muskelverspannungen, Zittern, Schwindel, Magen-Darm-Beschwerden oder Atembeschwerden dazu.

Die Angst ist hier weniger auf einzelne Situationen (wie Bühne oder Vortrag) beschränkt, sondern eher „immer irgendwie da“ – verbunden mit einem Gefühl, ständig innerlich „auf Alarm“ zu sein.

Depression: wenn die Stimmung zusätzlich kippt

Depressionen können mit Angst eng verknüpft sein, müssen es aber nicht. Typisch sind anhaltend gedrückte Stimmung, Interessenverlust, Antriebslosigkeit, Schuldgefühle, Hoffnungslosigkeit und oft auch körperliche Beschwerden. Viele Menschen mit Angststörung entwickeln zusätzlich depressive Symptome, aber Angst und Depression sind dennoch unterschiedliche Störungen mit eigenen Merkmalen.

In meinem Fall wurde eine Depression im Rahmen der Autismus-Diagnostik mehrfach und von verschiedenen Stellen ausdrücklich ausgeschlossen. Trotzdem wurden meine Ängste später von einzelnen Fachpersonen immer wieder in Richtung „Depression“ oder „das ist halt der Autismus“ interpretiert. Das führt dazu, dass die eigentliche Angststörung nicht gezielt behandelt wird – ein Problem, das viele andere ebenfalls berichten.

Autismus, Angst, Depression – eine Orientierungshilfe

Die folgende Orientierungshilfe ist vereinfacht und ersetzt keine Diagnostik – sie kann aber helfen, das eigene Erleben besser einzuordnen:

BereichEher AutismusEher soziale Phobie / soziale AngststörungEher generalisierte Angststörung / andere Angststörung
HauptauslöserReizüberflutung, Unvorhersehbarkeit, soziale KomplexitätSituationen mit Beobachtung/Bewertung (Vortrag, Gruppe, Arzt)Diffuse Sorgen zu vielen Themen (Gesundheit, Arbeit, Zukunft)
Hauptgedanken„Es ist zu laut/chaotisch, zu viele Reize“„Alle sehen, dass ich komisch bin / versage / rot werde“„Was, wenn etwas Schlimmes passiert?“, Katastrophenszenarien
GefühlÜberforderung, Stress, ÜberreiztseinScham, starke Nervosität, Angst im Mittelpunkt zu stehenDaueranspannung, ständige innere Alarmbereitschaft
KörperErschöpfung nach OverloadErröten, Zittern, Übelkeit, Herzrasen in sozialen SituationenHerzrasen, Magenprobleme, Muskelverspannung, Schlafstörung
Zeitverlauf„Schon immer so“, seit Kindheit relativ stabilSpäter zunehmende Vermeidung bestimmter SituationenZunehmendes Grübeln und Sorgen über Monate oder Jahre

Viele Menschen im Spektrum berichten, dass sie sich lebenslang „anders“ gefühlt haben, aber zusätzlich irgendwann eine deutliche Verschlechterung mit starker Vermeidung, Panikgefühlen, Katastrophengedanken und massiven körperlichen Symptomen erlebt haben. Das spricht eher für eine zusätzliche Angststörung neben Autismus und ADHS.

Alltagsszenarien: unterschiedliche Perspektiven

Im Folgenden beschreibe ich typische Szenen, die viele Betroffene aus der Praxis kennen – jeweils mit drei möglichen „Brillen“: Autismus, soziale Phobie, generalisierte Angststörung. Meine eigenen Erfahrungen fließen dabei mit ein.

1. Vortrag halten oder auf einer Bühne stehen

Situation: In einer Selbsthilfegruppe, auf einem Fachtag oder bei einer Veranstaltung soll ein Kurzvortrag gehalten werden. Alle schauen einen an, es wird etwas erwartet.

Autistische Perspektive:
Im Vordergrund steht oft die Reizsituation: helles Licht, viele Gesichter, Geräusche, unübersichtlicher Raum. Das Gehirn muss gleichzeitig Reize filtern, am Inhalt bleiben und soziale Signale deuten – das kostet enorme Energie. Das Erleben kann eher wie eine Überflutung sein als wie „klassische“ Angst. Nach dem Vortrag fühlen sich viele, mich eingeschlossen, oft völlig erschöpft, selbst wenn der Inhalt gut angekommen ist.

Soziale Phobie:
Schon Tage vorher können Gedanken kreisen, ob man sich blamieren wird, ob man sehen wird, wie nervös jemand ist, ob die Stimme zittert oder der Faden verloren geht. Kurz vor dem Vortrag kommen Herzrasen, zitternde Hände, vielleicht Übelkeit dazu. Die größte Angst ist oft: „Alle merken, wie peinlich ich bin.“ Der Impuls, in letzter Minute abzusagen oder alles möglichst schnell zu überstehen, ist vielen sehr vertraut.

Generalisierte Angststörung / Panik:
Zusätzlich kann der ganze Tag von Sorgen geprägt sein: „Was, wenn eine Panikattacke kommt? Was, wenn ich umkippe? Was, wenn ich nie wieder vor Menschen sprechen kann?“ Schon beim Aufstehen treten Magenprobleme, Schlafmangel und innere Unruhe auf. Unabhängig davon, wie der Vortrag objektiv läuft, ist die innere Anspannung extrem hoch.

2. Selbsthilfegruppe moderieren und Grenzen setzen

Situation: In einer Selbsthilfegruppe kommt es zu einem Konflikt oder jemand verhält sich grenzüberschreitend. Eigentlich wäre ein klares Eingreifen nötig.

Autistische Perspektive:
Es ist spürbar, dass eine Grenze überschritten wird, aber schwer in Worte zu fassen, ohne jemanden zu verletzen. Spontane soziale Interventionen sind herausfordernd, weil innerlich erst analysiert werden muss, was genau passiert ist und wie eine angemessene Reaktion aussehen könnte. Gleichzeitig steigen Reizüberflutung, Lärm, Emotionen und Körpersprache. Das kann dazu führen, dass man „einfriert“ und nichts sagt – und sich später darüber ärgert.

Soziale Phobie:
Zusätzlich kommt die Angst dazu, unsympathisch zu wirken oder jemanden zu verlieren, wenn Grenzen gesetzt werden. Gedanken wie „Wer bin ich, dass ich etwas sagen darf?“ oder „Was, wenn alle denken, ich übertreibe?“ sind typisch. Statt ein klares „Stopp“ zu formulieren, wird der Stress lieber innerlich getragen.

Generalisierte Angststörung:
Nach der Sitzung kann stunden- oder tagelanges Grübeln folgen: „Habe ich alles falsch gemacht? Wird die Person wiederkommen? Habe ich die Gruppe beschädigt?“ Die Situation ist objektiv vorbei, innerlich dreht sich die Angst weiter im Kreis.

3. Arzttermin – Symptome herunterspielen

Situation: Bei einem Termin beim Arzt oder Therapeuten sollen Ängste angesprochen werden. Eigentlich sind sie sehr belastend, aber im Gespräch werden sie heruntergespielt.

Autistische Perspektive:
Die Situation ist unübersichtlich: neue Umgebung, ungewohnte Fragen, Zeitdruck. Spontan über innere Zustände zu sprechen fällt schwer; oft ist es leichter, Fakten zu benennen als Gefühle. Erst später, zu Hause, wird klar, was man eigentlich hätte sagen wollen.

Soziale Phobie:
Viele möchten nicht „übertreiben“ oder den Arzt „belasten“. Es fallen Sätze wie „So schlimm ist es ja gar nicht“ oder „Anderen geht es bestimmt schlechter“, obwohl innerlich ein hoher Leidensdruck da ist. Gleichzeitig besteht die Sorge, nicht ernst genommen zu werden oder als „empfindlich“ zu gelten.

Generalisierte Angststörung:
Vor und nach dem Termin tauchen Katastrophengedanken auf: „Was, wenn ich nicht ernst genommen werde? Was, wenn er sagt, da ist nichts? Was, wenn doch eine schlimme Krankheit dahintersteckt?“ Wenn Ängste dann tatsächlich auf „Depression“ oder „das ist halt der Autismus“ reduziert werden, bleibt ein Gefühl, nicht verstanden zu werden – eine Erfahrung, die ich selbst mehrfach gemacht habe.

4. Streit oder Fehlverhalten in der Öffentlichkeit

Situation: In der Öffentlichkeit gibt es einen Streit oder ein klares Fehlverhalten, zum Beispiel in der Bahn oder im Supermarkt. Ein Teil möchte eingreifen, ein anderer Teil ist wie blockiert.

Autistische Perspektive:
Lärm, Emotionen und Chaos können überwältigend sein. Es braucht Zeit, zu verstehen, wer was gesagt hat, welche Regeln gelten und wie eine angemessene Reaktion aussehen könnte. Die Kombination aus Reizüberflutung und sozialen Unsicherheiten führt leicht dazu, dass man erstarrt oder sich zurückzieht, obwohl die eigenen Werte eigentlich zu einem Eingreifen motivieren würden.

Soziale Phobie:
Hinzu kommt die Angst, selbst negativ bewertet oder angegriffen zu werden. Gedanken wie „Was, wenn alle lachen?“ oder „Was, wenn ich etwas Falsches sage?“ bremsen aus. Viele gehen im Kopf alle möglichen peinlichen Verläufe durch und entscheiden sich, lieber „unsichtbar“ zu bleiben.

Generalisierte Angststörung:
Noch Stunden später können Worst-Case-Szenarien im Kopf laufen: „Ich hätte eingreifen müssen, ich bin ein schlechter Mensch. Was, wenn sowas wieder passiert und ich wieder versage?“ Die Situation wird innerlich immer bedrohlicher, obwohl sie objektiv vorbei ist.

Wichtig: Niemand ist verpflichtet, sich in jeder Gefahrensituation zu exponieren. Gerade für Menschen mit Autismus, Angststörung und ADHS ist Selbstschutz wichtig. Gleichzeitig kann es helfen, zu verstehen, warum es so schwer fällt, und im geschützten Rahmen Strategien zu entwickeln – etwa in der Therapie oder in Selbsthilfegruppen.

Wenn Angst als „nur Autismus“ oder „nur Depression“ abgestempelt wird

In der Praxis kommt es häufig vor, dass starke Angstzustände bei Autistinnen und Autisten pauschal als „Teil des Autismus“ oder als „depressive Symptomatik“ eingeordnet werden, ohne genauer hinzuschauen. Das ist problematisch, weil Angststörungen eigene Diagnose- und Behandlungswege haben.

Ich selbst habe erlebt, dass trotz klarer Diagnostik ohne Depression immer wieder versucht wurde, meine Ängste in Richtung „Depression“ oder „das ist halt der Autismus“ zu schieben. Gleichzeitig haben Medikamente gegen Angststörungen meine Situation spürbar verbessert. Aus dieser Erfahrung weiß ich: Angststörungen können und sollten eigenständig ernst genommen werden.

Medikamente im Alltag: Sertralin, Mirtazapin, Ritalin & Co.

SSRI wie Sertralin

Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) wie Sertralin werden häufig als medikamentöse Behandlung für Angststörungen eingesetzt, insbesondere bei sozialen Phobien und generalisierten Angststörungen. Auch bei autistischen Erwachsenen werden SSRI in der Praxis oft genutzt, um Angstsymptome zu lindern.

Ich nehme selbst seit einiger Zeit Sertralin und erlebe, dass vor allem die dauernden negativen Gedanken („Was könnten die anderen denken? Mache ich alles falsch?“) deutlich leiser geworden sind. Das erleichtert mir den Alltag, Arztbesuche, Selbsthilfegruppen und Vorträge spürbar. Vielen anderen Betroffenen geht es ähnlich – natürlich immer mit dem Hinweis, dass Wirkung und Nebenwirkungen individuell sehr unterschiedlich sein können und eine enge ärztliche Begleitung nötig ist.

Mirtazapin

Mirtazapin gehört zu den sogenannten NaSSA-Antidepressiva und wird unter anderem bei depressiven Episoden, aber auch bei Angsterkrankungen eingesetzt. Mirtazapin kann Angstsymptome reduzieren und den Schlaf verbessern, bringt aber auch mögliche Nebenwirkungen wie Müdigkeit oder Gewichtszunahme mit sich.

In meinem Alltag war die Kombination aus Mirtazapin und Sertralin ein wichtiger Schritt, um überhaupt wieder einen halbwegs angstarmen Tag zu erleben. Für mich ist das ein deutlicher Hinweis, dass eine eigenständige Angstproblematik vorlag und nicht „nur“ Autismus oder „nur“ ADHS. Gleichzeitig sehe ich Medikamente nicht als alleinige oder dauerhafte Lösung, sondern als ein Baustein im Gesamtpaket.

ADHS-Medikation: Ritalin, Equasym und Angst

Bei ADHS werden häufig Stimulanzien wie Methylphenidat (zum Beispiel Ritalin, Equasym) eingesetzt, um Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und Selbstorganisation zu verbessern. Studien und Leitlinien weisen darauf hin, dass Stimulanzien im Erwachsenenalter auch bei komorbiden Angststörungen in vielen Fällen sinnvoll sind und die Angst nicht zwangsläufig verschlechtern.

Im Gegenteil: Wenn ADHS-Symptome zu permanentem Chaos, Verspätungen, Konflikten und Selbstvorwürfen führen, kann eine wirksame ADHS-Behandlung den Alltag strukturieren und damit sekundäre Ängste und Stress verringern. Gleichzeitig braucht es eine individuelle Abwägung, ob Stimulanzien beim einzelnen Menschen Unruhe oder körperliche Angstsymptome verstärken. Das gehört unbedingt in erfahrene ärztliche Hände.

Wichtig ist: Medikamente können Symptome deutlich lindern und im Alltag Luft verschaffen. Sie ersetzen aber keine gute Psychoedukation, keine Anpassung der Rahmenbedingungen und keine langfristige, auf Autismus und ADHS abgestimmte Begleitung.

ADHS dazu – „nur noch mehr Chaos“ oder auch Chance?

ADHS erhöht das Risiko, zusätzliche psychische Störungen zu entwickeln, insbesondere Angststörungen und Depressionen. Das liegt unter anderem daran, dass Schwierigkeiten mit Organisation und Zeitmanagement zu wiederholtem Stress, Versagenserlebnissen und Konflikten führen können. Impulsivität erzeugt Situationen, in denen im Nachhinein Scham, Schuld oder Angst entstehen. Dauerstress auf dem Nervensystem macht empfänglich für Angst, Schlafprobleme und Erschöpfung.

Für mich persönlich ist es entlastend zu wissen, dass dieses „Paket“ aus Autismus, ADHS und Angststörung kein persönliches Versagen darstellt, sondern in der Kombination eher typisch ist. Gleichzeitig zeigt es, wie wichtig es ist, ADHS nicht nur „mitzudenken“, sondern aktiv mitzubehandeln. Eine gute ADHS-Behandlung kann Ängste reduzieren – sie ersetzt aber nicht die spezifische Behandlung der Angststörung.

Tools und Strategien für Arzt- und Therapiegespräche

Ein großer Stolperstein ist, eigene Symptome so zu schildern, dass sie nicht unter „Autismus“, „ADHS“ oder „Depression“ verschwinden. Folgende Tools und Strategien haben sich für mich und viele andere Betroffene als hilfreich erwiesen, um bei Ärztinnen und Therapeuten besser wahrgenommen zu werden:

1. Symptomtagebuch

Ein einfaches Symptomtagebuch kann helfen, Muster sichtbar zu machen. Beispiele:

  • Datum, Situation (zum Beispiel Vortrag, Arzttermin, Einkauf, Selbsthilfegruppe)
  • Gedanken („Alle beobachten mich“, „Es passiert etwas Schlimmes“)
  • Körperliche Symptome (Herzrasen, Schwitzen, Zittern, Übelkeit)
  • Verhalten (Vermeidung, Flucht, Erstarren)

Mit ein paar Stichworten pro Tag entsteht ein viel klareres Bild, das im Gespräch vorgelegt werden kann. Das entlastet, weil nicht alles aus der Erinnerung heraus formuliert werden muss.

2. Spickzettel für den Termin

Ich selbst komme besser zurecht, wenn ich mir vor Terminen Stichpunkte aufschreibe. Zum Beispiel:

  • „Ich habe eine Diagnose im Autismus-Spektrum und ADHS.“
  • „Zusätzlich habe ich starke Ängste, die sich für mich anders anfühlen als meine autistischen oder ADHS-Symptome.“
  • „Seit etwa … Monaten/Jahren habe ich verstärkt: dauernde Sorgen, Panik in bestimmten Situationen, Schlafstörungen, körperliche Symptome.“
  • „Besonders belastend sind: Vorträge, Gruppensituationen, Arzttermine, Telefonate, öffentliches Auftreten.“
  • „In diesen Situationen denke ich zum Beispiel: ‚Alle sehen, dass ich komisch bin.‘, ‚Ich mache alles falsch.‘, ‚Es passiert etwas Schlimmes.‘“
  • „Mein Körper reagiert mit Herzrasen, Schwitzen, Zittern, Übelkeit, Durchfall, Enge in der Brust oder Atemnot.“
  • „Dadurch kann ich nur noch eingeschränkt arbeiten, Ehrenamt übernehmen, Vorträge halten oder soziale Kontakte pflegen.“

Diesen Spickzettel kann man wortwörtlich vorlesen oder der Fachperson in die Hand geben. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern eine klare Form von Selbstvertretung.

3. Begleitperson

Gerade Menschen im Autismus- und ADHS-Spektrum berichten, dass Termine allein sie überfordern. Eine vertraute Person kann helfen, indem sie:

  • bei der Vorbereitung des Termins unterstützt,
  • im Gespräch ergänzt, was im Alltag beobachtet wurde,
  • darauf achtet, dass wichtige Punkte nicht untergehen.

Auch das kann im Vorfeld offen kommuniziert werden: „Ich habe jemanden mitgebracht, weil es mir schwerfällt, in Stresssituationen alles zu erzählen.“

4. Unterschiede klar benennen

Hilfreich kann sein, vorab für sich zu formulieren, wie sich Autismus/ADHS einerseits und Angststörung andererseits anfühlen. Zum Beispiel:

  • „Reizüberflutung kenne ich von meinem Autismus. Das fühlt sich eher an wie ‚zu laut, zu viel, zu hell‘ und wird besser, wenn ich mich zurückziehen kann.“
  • „Die Angst fühlt sich anders an: Sie beginnt oft schon Stunden oder Tage vorher, ich habe starke Bewertungs- und Katastrophengedanken und körperliche Symptome, die bleiben, auch wenn die Reize vorbei sind.“

Solche Sätze machen es Fachpersonen leichter, die Angststörung nicht einfach als „Autismus“ oder „ADHS“ abzuhaken.

5. Schriftliche Zusammenfassungen und Berichte

Wer Schwierigkeiten hat, in Echtzeit zu sprechen, kann vorab eine kurze schriftliche Zusammenfassung verfassen. Diese kann per E-Mail geschickt oder zum Termin mitgebracht werden. Viele Praxen sind dankbar, wenn sie diese Informationen strukturiert vorliegen haben.

Selbsthilfegruppen und Vorträge: Chancen und Trigger zugleich

Selbsthilfegruppen und Vorträge sind wichtige Orte, an denen Austausch, Information und gegenseitige Unterstützung stattfinden. Gleichzeitig sind sie für Menschen mit Autismus, ADHS und Angststörungen besondere Stressoren.

In Selbsthilfegruppen fällt mir immer wieder auf, wie viele unterschiedliche Ausprägungen es gibt – und wie häufig sich verschiedene Menschen in den Schilderungen der anderen wiederfinden. Das zeigt: Niemand ist mit diesen Themen allein, auch wenn die konkrete Lebenssituation jeweils sehr individuell ist.

Hilfreich können sein:

  • klare Struktur in der Gruppe (Ablaufplan, Gesprächsregeln, Pausen),
  • Möglichkeit, Beiträge schriftlich einzubringen,
  • Co-Leitung, damit Verantwortung nicht auf einer Person lastet,
  • Vorbereitete Formulierungen, um Grenzen zu setzen oder Konflikte zu stoppen.

Bei Vorträgen hilft vielen eine gute Vorbereitung: ein klares Skript, Folien als roter Faden, vorherige Besichtigung des Raums, Absprachen über Licht und Technik. Auch hier gilt: Es ist erlaubt, sich Rahmenbedingungen zu wünschen, die den eigenen Bedürfnissen entgegenkommen.

Was Betroffene aus diesem Beitrag mitnehmen können

Aus meiner Sicht sind folgende Punkte besonders wichtig:

  • Es ist möglich – und häufig –, gleichzeitig Autismus, ADHS und eine eigenständige Angststörung zu haben. Komorbidität ist eher die Regel als die Ausnahme.
  • Angststörungen können sich im Alltag anders anfühlen als „nur Autismus“ oder „nur ADHS“: mehr Bewertungsangst, mehr Katastrophengedanken, mehr körperliche Symptome, mehr Vermeidung.
  • Wenn eine Depression ausgeschlossen wurde und Medikamente wie Sertralin und Mirtazapin Angst und Grübeln deutlich bessern, ist das ein starkes Indiz, dass eine Angststörung im Spiel ist, die ernstgenommen werden sollte.
  • Selbsthilfegruppen, Vorträge und Rollen mit Verantwortung sind besonders sensible Bereiche. Es ist keine Schwäche, dort Unterstützung, Medikamente, Struktur und Tools zu nutzen.
  • Niemand ist mit diesen Schwierigkeiten allein. Viele Menschen im Autismus- und ADHS-Spektrum machen sehr ähnliche Erfahrungen – auch wenn sie sie unterschiedlich benennen.

Am Ende geht es nicht darum, jede Empfindung perfekt einer Diagnose zuzuordnen, sondern darum, dass das eigene Leiden ernst genommen wird und passende Unterstützung gefunden werden kann. Dieser Beitrag soll Mut machen, die eigenen Ängste zu benennen, sich Hilfe zu holen und sich nicht entmutigen zu lassen, wenn man nicht sofort verstanden wird.

Redaktionelle Angaben

Hinweise zur KI-Unterstützung

  • Ein oder mehrere Bilder in diesem Beitrag wurden ganz oder teilweise mit KI erstellt.

Über den Autor

Über den ADHS & Autismus Beratungsnetzwerk Wetterau e.V.

Was 2018 mit einem kleinem ADHS-Forum begann, hat sich kontinuierlich zu einem umfangreichen Forum entwickelt. Ab 2021 rückten wir Autismus näher in den Fokus. In diesem Jahr waren wir ein Teil des ADHS Deutschland e.V. – ein wichtiger Schritt um mit professionellem Know-How, Netzwerk und Ressourcen zu arbeiten. Bis es 2022 zu einer echten Verschmelzung gekommen ist: Wir sehen ADHS und Autismus zusammen, nicht getrennt – mit explizitem Fokus auf die Doppeldiagnose. Damit waren wir die erste Plattform überhaupt mit diesem Fokus. 2025 expandierten wir lokal: Gründung unseres eigenen Vereins, einer lokalen Selbsthilfegruppe und einer Beratungsstelle in Bad Vilbel im Wetteraukreis.

Diagnostix Team